7.9. Das „Frage und Antwort Spiel“ während des „Heimbibelstudiums“

 
 
Vertrauen ist eine Basis für die Übernahme von vermittelbaren Informationen.
Hier komme ich auf die indoktrnierenden Vorgänge als eigentlichen Ablaufs innerhalb eines „Heimbibelstudiums“ (HB) zu sprechen.
Dabei möchte ich versuchen zu beschreiben wie es zusammen mit den bisher besprochenen Techniken und den nun zu übertragenden Ansichten, zur Übernahme dieser Informationen kommt, welche letztlich einen Menschen verändern sollen sowie den Wunsch zu entwickeln, bei den ZJ mitzumachen.
Hier sind jetzt nicht allein die Suggestivfragen gemeint, wenn es um das „Frage- und Antwortspiel“ geht, sondern um alle Fragen - inklusive der Suggestivfragen - die sich auch auf die Abschnitte beziehen, welche in sich wiederum manipulative Vorgaben und suggestive Auslöser enthalten.
 
Emotionale Ebene
 
Wenn man als ZJ einen Interessierten etwas fragt, wie er über etwas denkt, dann illusioniert zum einen das Stellen der vorgegebenen Fragen ein Interesse an den „Studierenden“.
Fragt man einen Menschen wie er über eine Sache denkt, dann fühlt dieser sich beachtet und ernst genommen, er fühlt sich in dem Moment mit „Aufmerksamkeit beschenkt“.
Ein wesentlicher Faktor, wenn es um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht.
 
"Es zeugt von christlicher Liebe, allen Interessierten, mit denen wir studieren, volle persönliche Aufmerksamkeit zu schenken. Unser Ziel ist es, den Studierenden zu tieferen Einsichten in die Wahrheiten des Wortes Gottes zu verhelfen. Dann können sie auf Grund eigener Erkenntnis entschieden für die Wahrheit Stellung beziehen, sich Jehova hingeben und diese Hingabe durch die Wassertaufe symbolisieren (Ps. 40:8; Eph. 3:17-19)." - "Unser Königreichsdienst" 06/2000
 
Die Beantwortung der Frage und ein möglich aufkommendes Lob des ZJ an den Studierenden, verstärkt die emotionale Verbindung zwischen den ZJ und den Interessierten.
Die soziale Bindung an die Gruppierung wird so verfestigt.
Gleichzeitig wird man positiv geprägt, wenn man die vorgegebenen Ansichten des Sklaven (die Glaubensansichten der Zeugen Jehovas) anerkennt, was zur Freude des ZJ beitragen wird – gegebene Freude ist doppelte Freude - so spielen hier sehr viele Faktoren auf unbenannter Ebene eine große Rolle, wie sehr man sich später den ZJ emotional verbunden fühlt.
So wird die Übernahme fremder Ansichten, als wenn es die eigenen wären, zu einer sanften Vereinnahmung des Interessierten, was an sich harmlos abzugehen scheint.   
Komischer weise wird er niemals vorgewarnt, das man deshalb so freundlich ist, weil er ansonsten nicht die Ansichten übernehmen würde - sprich die Freundlichkeit ist ein Faktor, um jemanden etwas zu verkaufen, was er normalerweise nicht braucht.
Doch es geht noch profaner.
 
Ablenkung auf rationaler Ebene
 
„Schönes Wetter heute, nicht wahr?“...
Dies ist an sich keine Suggestion oder Vorwegnahme einer Meinung, denn der Empfänger der Frage kann sich ohne Umwege eine eigene Meinung bilden.
Aber wenn der Mensch an dem die Frage gestellt wurde gerade mit den Gedanken ganz woanders war, macht er sich nun Gedanken über das Wetter.
Er wird abgelenkt von dem, worüber er sich normalerweise Gedanken machen wollte, oder sonst machen würde.
 
D.h., das eine Frage immer dazu führen kann das ein Mensch aufgrund des Inhaltes und der Form der Fragestellung, das die Gedanken in die Richtung gerichtet wird, die vom Fragesteller gewünscht wird - wenn er sich drauf einlässt.
 
Der „Studierende“ lässt sich schon deswegen auf die Fragen ein (jene Fragen aus dem Heimbibelstudienhilfsmittel), weil er dem ZJ sein Vertrauen schenkt.
Eine Frage bewirkt, das sich der Mensch gegenüber darüber Gedanken macht, was der Fragesteller will, worüber er sich Gedanken machen soll.
Und da die Fragen vom „Sklaven“ aufgestellt werden, ist er derjenige der vorgibt, worum sich die Gedanken kreisen werden.
Die Neigung und Richtung wird dementsprechend vorgegeben, bzw. eine Möglichkeit in andere Richtungen zu denken, wird eingegrenzt.
 
Vorgabe des Informationsspielraumes
 
Beim „Heimbibelstudium“ geht es jedoch noch weiter eingeengt vor als wie einfach nur jemanden nach einer Meinung zu bestimmten Dingen zu fragen, da noch zusätzlich zu den Fragen jeweils ein Absatz gelesen wird, auf den sich die Frage als Informationsgrundlage bezieht.
Eigentlich wird nur gefragt was im Absatz steht, welcher beansprucht etwas „biblisches“ zu betrachten, welcher aber letztlich nur die Informationen beinhaltet, welcher die Ansicht des „Sklaven“ vermittelt, die der ZJ dann ins Glaubensleben des Interessierten übertragen soll.
Man fragt genau genommen nur nach, ob der „Studierende" die Ansichten des „Sklaven“ übernommen hat.
 
Die bisherigen persönlichen Ansichten des Studierenden, sein bisheriges Weltbild, interessieren nicht wirklich.
 
Genauso wenig interessieren die Gründe, weshalb man bisher gläubig war oder auch nicht.
 
Mag sein das in seltenen Fällen der ZJ individuell und persönlich mit den Interessierten über solche Dinge reden wird – doch das Buch sieht das gar nicht erst vor.
Auch wenn es gelegentlich einen ZJ interessieren mag – den „Sklaven“ interessiert das nicht.
 
Wichtig ist nur das der „Studierende“ die Informationen akzeptiert und emotional adaptiert, was das Buch des „Sklaven“ sagt, was übernommen werden soll – insofern ist das Gefühl „jemand interessiert sich für mich und was ich denke“, wirklich nur eine Illusion.
 
Hier wird also der Rahmen an Informationen, um den sich die Gedanken des „Studierenden“ kreisen sollen, recht eingeengt, indem im Einzelnen angeführt wird, was er antworten soll.
Denn der „Studierende“ wird die gegebenen Informationen des dazugehörigen Abschnitts, auf die sich die Frage jeweils richtet, konkret mit einbeziehen.
Konkretes Beispiel:
 
Aus dem 1.Kapitel des Buches „Was lehrt die Bibel wirklich?“, auf die Frage zu den Absätzen 1u.2 „Warum ist es oft gut, Fragen zu stellen?“, würde der Studierende etwa eine Antwort geben wie:
„Man sucht nach dem richtigen Weg, möchte Gefahren meiden oder ist einfach neugierig“.
 
Wieso?
Weil es im Abschnitt steht.
Eine rationale und individuel gedachte  Antwort auf eine solche Frage wäre vielleicht:
 
„Es kommt auf die Situation an, wann und wo ich eine Antwort brauche. Wenn ich mich verfahren habe, dann frage ich nach dem Weg, wenn ich gewisse Prozesse nicht verstehe dann frage ich Fachleute usw.…“.
 
Oder: „Gegenfrage. Wann wäre es denn nicht gut Fragen zu stellen?“
 
Jetzt ist es aber so, dass die Frage zu den ersten beiden Abschnitten gestellt wird.
Das Buch des „Sklaven“ startet hier mit einer emotionalen Startsequenz, welche aufgrund ihres Inhalts und Aufbaus „das Herz öffnen“ soll, welche eventuell vom ZJ selber, laut, vielleicht sogar mit liebevoller Betonung, vorgelesen wurden:
 
 
„KINDER stellen für ihr Leben gern Fragen. Das fängt oft schon an, wenn sie gerade erst sprechen gelernt haben. Mit großen, neugierigen Augen schauen sie uns an und fragen: „Warum ist der Himmel blau? Aus was sind die Sterne? Warum können die Vögel singen?“ Selbst wenn wir uns große Mühe geben, haben wir beim Antworten manchmal unsere liebe Not. Und auch nach der besten Antwort kommt oft gleich das nächste Warum...  Kinder sind aber nicht die Einzigen, die Fragen stellen. Wenn man älter wird, fragt man weiter. Man sucht nach dem richtigen Weg, möchte Gefahren meiden oder ist einfach neugierig. Doch wie es scheint, werden vor allem die wichtigsten Fragen des Lebens von vielen irgendwann nicht mehr gestellt. Zumindest suchen sie keine Antworten mehr.“ – „Was lehrt die Bibel wirklich?“, S. 8.
 
Hier ist der „Sklave“ sich nicht zu schade, um ein süßes putziges Kind abzubilden, welches fragend die Hände erhebt.
Jetzt nochmals die Frage, unter Berücksichtigung der gegebenen aktuellen Informations-Wolke:
 
„Warum ist es oft gut, Fragen zu stellen?“
 
Der Leser merkt vielleicht, dass er gewissermaßen von seiner ansonsten rationalen Antwort abweichen würde, da er sich nun gedanklich innerhalb des vorgegebenen (eingeengten) Rahmens bewegt – seine Antwort basiert auf die gegebenen Informationen (auch der emotionalen Informationen), weil seine Aufmerksamkeit auf diesen Absatz gebunden wurde.
 
 
Emotionaler Einfluss
 
Das Bild vom Kind hat der Studierende später wieder vergessen - sein UB jedoch nicht, welches aufgrund des Beschützer-Instinktes die Logik runter gefahren hat – Kinder „öffnen das Herz“ ("Oooooh wie süß").
Innerlich verändert der Anblick eines Kindes den Menschen, Logikbarrieren werden runter gefahren, als wenn man persönlich mit dem Kind interagieren würde.
Wenn man das weiß kann man das ausnutzen.
 
 
Suggestiver Auslöser
 
Vom Inhalt her wird der „Studierende“ aber auch ganz subtil dahin geführt, das es ja „wichtig“ ist Fragen zu stellen, weil man ja auch "Gefahren“ meiden will.
Was für „Gefahren“?
Hier wird nicht weiter drauf eingegangen.
Es wird subtil mit einer allgemein formulierten Bedrohung gearbeitet, als „wenn man über eine Sache nicht richtig Bescheid weiß, das es dann ja gefährlich werden könnte“.
 
Hinter dem Anschein der Allgemeingültigkeit sitzt ein suggestiver Auslöser:
Unspezifische Nomen (welche „Gefahr“ eigentlich?) lösen eine eigene, individuelle Überlegung aus und assoziieren das, vor welcher Gefahr man persönlich Angst hat, oder welcher man schon einmal selber ausgeliefert war (die Informationsaufnahme eines Textes kann auch zusätzlich den suggestiven Auslöser beinhalten).
 
Addiert man dies mit dem suggestiv ausgelösten Beschützer-Instinkt (das Kind als „Herzens-Öffner“), wird man auf der emotionalen Ebene geradezu genötigt weiter zu „studieren“.
 
Auch möglich das der Studierende selber Kinder oder Enkel hat, dann kann es sein das der Studierende die „Gefahr“ auch mit dem Schutzinstinkt dem Kind gegenüber verbindet.
Auch wenn hier aus dem Text des Buches kein logisch gegebener Zusammenhang existiert, funktioniert unser Unterbewusstsein so, das es diese beiden Komponenten („Kind“ und „Gefahr“) miteinander kombiniert.
Diese unfreiwillig ausgelösten Gefühle soll der Studierende weiter präsent halten, denn es geht schon weiter zum nächsten Abschnitt mit seiner Frage:
 
„Warum hören viele auf, nach Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens zu suchen?“
 
Eine Rationale Antwort wäre hier dann vielleicht:
„Weil jeder Mensch dazu das Recht hat, zu suchen und dann auch damit aufzuhören. Weil kein Mensch für sich behaupten kann sich einer Sache absolut sicher zu sein und jeder eh nur Glauben wird, was der Einzelne auch nur Glauben kann.“
 
 
Aber das will man nicht unbedingt hören.
Deswegen gibt es auch hier zu dieser Frage einen Abschnitt, als „Gedankenanreiz“, oder das, worum sich die Gedanken kreisen sollen:                 
 
"Denken wir zum Beispiel an den Titel dieses Buches und an die Fragen im Vorwort sowie zu Beginn des ersten Kapitels. Das sind einige der wichtigsten Fragen, die man sich stellen kann. Viele Menschen haben es jedoch aufgegeben, nach Antworten darauf zu suchen. Warum? Manche glauben zwar, dass die Antworten in der Bibel zu finden sind, aber die Bibel ist ihnen zu schwierig. Anderen ist es unangenehm oder peinlich, Fragen zu stellen. Wieder andere sind der Meinung, mit solchen Fragen sollten sich lieber Geistliche und Religionslehrer befassen. Denken wir persönlich auch so?“
 
Noch mal die Frage:
 
„Warum hören viele auf, nach Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens zu suchen?“
 
Jetzt lautet die Antwort vielleicht so:
„Weil die Bibel so schwer zu verstehen ist“, oder „weil keiner vernünftige Antworten geben kann. Geistliche schon gar nicht“.
 
Wer emotional noch vom „Kind“ befangen ist, oder gar der „Gefahr“ (Angstgefühl), der wird es nun auch vor den „bösen“ Geistlichen zu schützen suchen – suggestiv ausgelöste Gefühle tragen eben auch mit dazu bei, wie man Antworten wird.
 
Über andere suggestiven Auslöser des „Milton Modells“, aus diesem Abschnitt, wurde im vorigen Kapitel schon vieles gesagt (Stichwort "Gitarrenunterricht").
Aber so wird das gesamte Buch hindurch verfahren – vorgefasste Meinungen, offene Details welche unbewusst mit selbst erzeugten Emotionen und Gedanken aufgefüllt werden, von der der „Sklave“ will das man diese ganz gezielt erzeugt, die mit den neuen Ansichten verwoben werden, die letztlich dem „Studierenden“ übertragen werden sollen.
 
Hinzu kommt die emotionale Vereinnahmung, sowie die Techniken aus dem vorigen Kapitel – bis hierhin noch keine Spur von einem Bibelstudium an sich, sondern vielmehr eine emotionale Vorbereitung (Indoktrinierung) auf das was noch kommt.
 
Insgesamt sind es 407 Absätze aus dem Buch „Was lehrt die Bibel wirklich?“, zu denen Fragen gestellt werden – 407mal die Einwirkung einer vorgegebenen Meinung, einseitigen Informationen, kombiniert mit verschieden eingesetzten Suggestionstechniken.
 
407 Schritte, welche den Menschen innerlich verändern sollen.
 
Und zwar so, wie es der Autor, der „Sklave“ will (der sagt dann das „Jehova will“, das der Studierende sich so verändert werden soll).
 
Dies in 19 Kapiteln mit Durchschnittlich 21-22 Fragen, von denen ca. ein Drittel Suggestivfragen sind.
Dieses „Frage- und Antwortspiel“ ist schon seid mehreren Jahrzehnten festes Programm im allwöchentlichen „Wachtturmstudium“, aber auch im „persönlichen Studium“.
In der Indoktrinierung fehlt es natürlich auch nicht.
 
 
 
Zuletzt bearbeitet am 18.08.2014