7.13. Manipulation der Sprache
 
 
Kapitel eins darf an dieser Stelle in Erinnerung gerufen werden.
Die Indoktrinierung, welche an den internen Begrifflichkeiten der Gruppierung („Wahrheit“, „geistige Speise“, „Sklave“, „Organisation“ u.a.) erkennbar ist, welche in den Bedeutungen von der Allgemeinheit abweicht.
 
Auch auf die Folgen der Aufstellung von Schlagwörtern und den internen Vorteilen sei nochmals hingewiesen.
 
Sprachmanipulation ist die bewusste Veränderung von Sprache durch bestimmte Interessengruppen, die ihre Denkweisen oder Ideologie forcieren (fördern, verbreiten) oder durchsetzen wollen. Sprachmanipulation erfolgt über den Einsatz emotionaler, wertender oder interpretierender Sprachkomponenten und ist sowohl „Manipulation der Sprache als auch Manipulation durch Sprache.” - (Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg, 1980, S. 854.)
 
 
Wenn der „Sklave“ die Sprache seiner Anhänger verändert, dann klarerweise um seine Ansichten durchzusetzen, die auf die Gruppierung übertragen werden soll.
Durch die Verwendung der veränderten Bedeutungen trägt jeder Anhänger mit zu der Manipulation bei, da diese sich selber aber auch die anderen Anhänger der Gruppierung, weiterhin sich die sprachlichen Impulse mit auf dem Weg geben, in die gewünschten Bahnen der „leitenden Körperschaft“ denken zu lassen, sowie diese Denkbahnen physisch und psychisch zu vertiefen.
 
Während sprachliche Suggestionstechniken nur eine Manipulation durch Sprache darstellen, muss man bei der Verwendung einer veränderten Sprache zu einem internen Gebrauch sowohl von der Manipulation der Sprache gesprochen werden, da wie in der Propagandasprache, der manipulierende Effekt durch die emotionale Beimessung eines Schlagwortes erreicht wird und von der Gruppierung durch das Ausleben der Emotionen auf eine Einzelperson übertragen werden kann.
 
Sprachmanipulation erfolgt bewusst durch Multiplikatoren wie Parteien, Politiker, Journalisten, Interessenverbände und Werbetreibende – Gruppen, die hinsichtlich ihrer Reichweite (Sprachverbreitung) eine privilegierte Stellung innehaben. So verändert beispielsweise eine Partei oder Interessengruppe Sprache, „indem sie eine ihren Interessen dienende politische Sprachregelung anstrebt. Bestimmte Worte […] müssen zum allgemeinen Sprachgut werden, dann gewinnen sie selbst eine politisch und ideologisch organisierende Funktion.” (G. Klaus: Die Macht des Wortes. 1968).
 
Hier zu den Gruppierungen kann man natürlich auch eine Anhängerschaft an die Wachtturmgesellschaft hinzufügen, wo die manipulierte Sprache eben in eine „reine Sprache“ umbenannt wird.
 
 
„Eine Sprache, auch die „reine Sprache“, zu erlernen, setzt Anstrengungen voraus. Bevor wir die Sprache sprechen können, die unserem Schöpfer gefällt, müssen wir uns damit vertraut machen. Wie beim Erlernen einer neuen Sprache, so werden uns auch beim Erlernen der „reinen Sprache“ allmählich viele Ausdrücke geläufig, die uns früher fremd waren. Wir erfahren, was das Königreich Gottes in Wirklichkeit ist; wir hören von der „großen Volksmenge“, die Jehova in den „letzten Tagen“ dient, und wir werden von der bevorstehenden Vernichtung „Groß-Babylons“ unterrichtet, die dem Untergang des übrigen Teils des gegenwärtigen weltlichen „Systems der Dinge“ in „Harmagedon“ unmittelbar vorausgeht. Wir werden auch warnend auf den bevorstehenden Angriff „Gogs von Magog“ hingewiesen...“  - WT 1.12.1973, S.720.
 
 
Langfristig kann auch die unbewusste und unkritische Übernahme und Verwendung Sprach-manipulativer Elemente durch individuelle Sprachteilhaber Sprach-verändernd wirken, vor allem wenn man sie geschickt als „biblische Wahrheiten“ überträgt und man erwartet, das diese Sprache weitergesprochen wird – hier greift u.a. die Gruppendynamik.
 
Hinter der Phrase „die reine Sprache sprechen“, wird aber auch das Ausleben der „biblischen Wahrheit“ beigeordnet, was das Erkennen einer „Umlegung“ an Begrifflichkeiten in ihren Bedeutungen als eine Sache für sich erschwert.
Wenn man das übertragene („das gelernte“) Wissen durch die „reine Sprache“ erlernt hat, dann erwartet der „Sklave“ eben auch die Umsetzung dessen was mit dieser Sprache zum Ausdruck gebracht wird.
Und eine „Sprache“ die ausgelebt wird, weil man meint nur so „Gott gefallen“ zu können, oder nur so „Gott richtig“ dienen zu können, verdeutlicht wie die internen Abläufe dazu beitragen, wie sich die Anhänger immer wieder gegenseitig an der Manipulation des „Sklaven“ beteiligen, egal ob sie dies bewusst machen oder nicht.
 
 
„Möchte man eine andere Sprache lernen, reicht es nicht, sich nur neue Vokabeln zu merken. Man muss auch lernen, in der anderen Sprache zu denken, sich also neue Denkmuster angewöhnen... Die Aussprache neuer Laute erfordert, dass man lernt, die Sprechorgane, besonders die Zunge, anders zu gebrauchen. Genauso verhält es sich, wenn wir anfangen, die reine Sprache der biblischen Wahrheit zu lernen. Es reicht nicht, uns nur ein paar Grundlehren der Bibel zu merken. Wollen wir diese neue Sprache fließend beherrschen, müssen wir unser Denken verändern und unseren Sinn umgestalten. - WT 15.08.2008, S.22.
 
 
Auf der Wortebene zeigt sich die Manipulation durch Sprache unter anderem darin, das es weniger um die Bedeutung einer Satzaussage geht, in ihrer Pragmatik und den Informationsgehalt, als viel mehr um die emotionale Bewertung, welche oft vorweggenommen werden.
Hier aus dem „Heimbibelstudienhilfsmittel“ wurde schon auf sehr viele solcher Beispiele hingewiesen (Z.B. durch die „Anonymisierung“, wie sie in ihrer innermenschlichen Wirkung als Suggestions-Technik angewendet wird).
 
Die Manipulation der Sprache erfährt ein ZJ ebenso durch das „Bibelstudium“, sowie durch das Lesen der Literatur der WTG, sowie den Gebrauch innerhalb dieser Gemeinschaft.
Der Begriff „Bibelstudium“ ist an sich schon so ein Beispiel, wie die Bedeutung dieses Begriffes bei einem ZJ eine völlig andere Bedeutung hat, als wie dieser Begriff in der Allgemeinheit vermuten lassen würde und auch schon dazu wurde einiges von mir geschildert, genauso wie über die verschiedenen Auswirkungen auf den verschiedenen Ebenen.
 
Übernommen wird die „reine Sprache“ durch das allgemeine „Begreifen“, durch beobachten und dazulernen der „Vokabeln“, ähnlich als wie man eine Fremdsprache durch beobachten, Praxis und eigenes Bemühen erlernen kann.
Wer den Wunsch nachgeht, gezielt die internen Begriffe der ZJ im Sinne dieser Gruppierung zu verstehen („ich muss ja noch so viel lernen...“), von so einem kann man sagen, das der Wunsch ein ZJ zu werden, ziemlich kurz bevorsteht.
 
Vorgang der Bildung der internen Sprache
 
Ich möchte nun etwas auf die Entstehung dieser internen Sprache so wie dem Vorgang der Um-Prägung schildern.
Im Prinzip könnte ich dies kurz, völlig unspektakulär, mit den bereits betrachteten Vorgehensweisen erklären, und zwar mit der willkürlichen Auslegung und der Zweckentfremdung von Bibelpassagen.
 
Quelle der „Vokabeln“ liefert u.a. die „Bibel“ - speziell die  NWÜ, z.B. für Phrasen wie „die gute Botschaft predigen“ (Math 24, 14), oder dem Schlagwort „Einheit“ (Epheser 4, 3).
 
Ich zitiere hier mal aus dem Vorwort der NWÜ:
 
Die große Anzahl von Querverweisen und technischen Einzelheiten in der vorliegenden, 1986 revidierten Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung zeigt einem deutlich, wie die 66 Bücher der Bibel ein zusammenhängendes Ganzes bilden, das von Gott inspiriert ist und als grundlegendes Gefüge für die „reine Sprache" der Wahrheit dient (Zephanja 3:9) - NWÜ, Vorwort S.13.
 
Die "reine Sprache" ist hier das Denken und Fühlen der internen Sprachbedeutung der Zeugen Jehovas, nur das s ein Indoktrinierter es nie so ausdrücken würde.
Das Um-prägen der ursprünglich biblischen Bedeutung wird innerhalb der WT-Literatur vorgenommen, wo biblische Begriffe eine dem „Sklaven“ dienliche Bedeutung erhalten.
Z.B. bedeutet in der internen Sprache „die gute Botschaft predigen“ ja soviel wie der Versuch, jemand Fremden in die Gruppierung zu lotsen.
Die Begriff „Einheit“ wird ebenso vom „Sklaven“ vordefiniert, wo ja keine Abweichungen geduldet werden.
Die „Einheit“ des Epheserbriefes, mit dieser war damals diejenige in Christus gemeint, was z.B. auch heute in der Ökumene und darüber hinaus von den allgemeinen Christen als Evangelium bekannt ist.
Klar gibt es untereinander unterschiedliche Auffassungen, was ja auch völlig legitim ist – doch solche Tatsachen waren schon den ersten Christen bekannt, wie es z.B. in Römer 14, 1-23 abgehandelt wird.
 
Die Bibel begrüßt also eine gewisse Vielfalt (mit der Prämisse der gegenseitigen Rücksichtnahme) – der „Sklave“ verurteilt diese.
 
Wenn ich auf das Beispiel aus Johannes 17, 3 zurückkomme, dann zeigt sich das hier die Sinn-veränderten Passagen in der NWÜ der internen Praktiken, wie auch der internen Sprache angepasst ist.
 
Der Begriff „Erkenntnis in sich aufnehmen“ (Wissen aneignen), „ginosko”, wurde ja so umgedeutet, das es im Sinne des „Sklaven“ unter der Anleitung seiner Literatur zu geschehen hat.
 
Steht ein Begriff nicht in der Bibel, wie z.B. die „Organisation Jehovas“ oder wenn klar ist das ein Begriff aus der Bibel unmöglich die „geistige Speise“ der Wachtturmgesellschaft gemeint sein konnte, dann wird rein sprachlich das Schlagwort als feststehendes Dogma festgefahren, egal ob es begründbar/berechtigt ist, oder nicht.
 
„Wie dankbar wir doch sind, kein Teil der Organisation Satans zu sein, wenn wir beobachten, daß das gegenwärtige böse System von schier unlösbaren Problemen geplagt wird! Und wie begünstigt wir sind, innerhalb der Organisation Jehovas geistige Sicherheit zu haben!“ - WT 15.01.2001, S.19.
 
 
„Denken wir nur an das Unterweisungsprogramm, das wir nutzen! Von Ausnahmen abgesehen, besuchen wir jede Woche fünf christliche Zusammenkünfte (Hebräer 10:24, 25). Wir versammeln uns … zum Versammlungsbuchstudium, wo wir ein gründliches Bibelstudium anhand eines Lehrbuches durchführen, das Jehovas Organisation zur Verfügung stellt. Durch Zuhören und durch Kommentargeben lernen wir voneinander und ermuntern uns gegenseitig ... Bei der Zusammenkunft für die Öffentlichkeit und beim  Wachtturm-Studium nehmen wir ebenfalls nahrhafte geistige Speise in uns auf.“ - WT 15.02.2002, S.27.
 
 
„Wenn wir nichts zu essen haben, verhungern wir. Ebenso würden wir ohne geistige Speise in geistiger Hinsicht schwach werden und sterben. Daher ist das Vorhandensein des „treuen und verständigen Sklaven“ ein weiterer Beweis, dass Jehova für uns sorgt. Schätzen wir also immer die geistigen Köstlichkeiten, die jener „Sklave“ für uns bereithält (Matthäus 5:3)." - WT 01.03.2002, S.15.
 
 
Das Wohlfühlen in einer Gruppierung begünstigt dann die Übernahme dieser Begriffe, sowie den internen Bedeutungen.
Die Vorteile einer internen Sprache ist u.a., das Außenstehende nicht das verstehen, was auch nur innerhalb der Gruppe sich hinter dem Sprachcode verbirgt, was an verschiedenen Aspekten begründbar ist:
Beispiel des Begriffes „Organisation“ - nach außen ein Allgemeinbegriff, mit geringer emotionaler Bewertung, intern jedoch steht es emotional für alles, was einen ZJ seine Existenzberechtigung vermittelt und erhalten lässt.
Die Veränderung einer Grundbedeutung wurde emotional erweitert, weil es sich nun um SEINE Organisation handelt, was mit seiner Religion, oder „in der Wahrheit zu sein“ gleichgestellt wird, der er alles zu „verdanken“ hat.
Gleichzeitig dient es als Schlagwort.
Kann und wird mehrdeutig eingesetzt, ist aber auch theologisch betrachtet eine neue Wortschöpfung, denn laut dem christlichem Glauben gibt es keine „Organisation Gottes“ (zumindest nicht biblisch).
Manipulation durch Sprache äußert sich noch wie folgt (als Ergänzung gedacht).
 
 
Zusammengefasst:
Die Sprachmanipulation des „Sklaven“ erfolgt mit dem Ziel der Herstellung und Veränderung verbreiteter Einstellungen und Meinungen bis hin zur Sanktionierung eines von einer vorgegebenen Linie abweichenden (Sprach-)Verhaltens, zum Zweck diese mit eigenen Vorgaben zu ersetzen.
 
Weiterreichende Literatur:
Walther Dieckmann: Überzeugung oder Überredung? 1964
Walther Dieckmann: Sprache in der Politik. 1969
Andrea Hausberg: Analyse politischer Sprache an Hand aktueller
Beispiele. Rhetorisch-argumentative Strategien in Reden zum Irak-
Krieg. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007, ISBN 3-8364-3368-0.
Hans-Dieter Fischer: Manipulation – Persuasion – Sprache. EineArbeitsbibliographie. 1995.
Nina Janich: Werbesprache. Ein Arbeitsbuch. Narr, Hamburg 2001, ISBN 3-8233-4974-0.
Gustave Flaubert: Das Wörterbuch der gemeinen Phrasen. Hrsg. Eichborn, Berlin 2005. ISBN 3-8218-0741-5.
Klaus Bayer: Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der Argumentationsanalyse. Band 1, Westdeutscher Verlag, Opladen / Wiesbaden.
Franz G. Sieveke: Aristoteles. Rhetorik. 3. Aufl., Wilhelm Fink, München.
G. Klaus: Die Macht des Wortes. 1968
W. Klute: Text und Tendenz. Informationen für ein defensives Lesen.
Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg, 1980.UTB 300
Ernst Topitsch: Über Leerformeln. Zur Pragmatik des Sprachgebrauchs in Philosophie und politischer Theorie. In: Ernst Topitsch (Hrsg.)
Probleme der Wissenschaftstheorie. 1960
Gerhart Wolff: Sprachmanipulation. Dortmund 1978
 
 
Die Folgen für einen ZJ:
Sprachmanipulationen und -regulierungen sind Faktoren, die die Unterschiede zwischen individuellem und veröffentlichtem Sprachgebrauch verursachen, erhalten und vergrößern, was ein weiteres Abgrenzen von „der Welt“ zur Folge hat.
Ist man sich dessen nicht bewusst, ist man schnell geneigt die vorgegebenen Ansichten, Werte und Gepflogenheiten zu übernehmen, was im Sinne des „Sklaven“ erfolgt.
 
 
 
Zuletzt bearbeitet am 18.08.2014