6.11. „Milton Modell“ - Vergleich ohne Bezug
 
 
Vergleiche, ohne ein Objekt zu benennen an dem der Vergleich vorgenommen wird, nennt man im „Milton Modell“ eine „Vergleichstilgung“.
 
Besser verständlich wird es durch die Bezeichnung „Vergleich ohne Bezug“, welche auch unbewusst im Alltag von Jedermann vorgenommen werden könnten – doch der Unterschied liegt darin, das man einen solchen Vergleich mit einer suggestiven Vorgabe kombinieren kann, um diese bewusst übertragen zu können - viel durchschlagender also als im Verhältnis zu einer alltäglichen Wortformulierung.
 
Auch hier sei darauf hingewiesen, dass solche Aussagen zwar nach außen hin einen harmlosen allgemeingültigen Hinweis geben, aber dabei unweigerlich das UB fordert im Sinne des Beeinflussenden zu arbeiten.
 
Um den Unterschied zu verdeutlichen, Beispiele mit Vergleichsbezug:
 
„Tulpen sind mir lieber als Rosen mit Dornen.“ - Vergleich: Tulpen mit Rosen.
 
„Ein Porsche beschleunigt schneller als ein Trabant.“- Vergleich: Porsche mit Trabant.
 
Beispiel für einen alltäglichen Vergleich, ohne Bezug:
 
„Je besser man aufpasst, um so mehr lernt man.“ - Vergleich: Der Empfänger wird unaufgefordert sich, mit sich selbst vergleichen, oder man vergleicht die Aussage mit sich selber und führt daraus resultierend Rückschlüsse, die einen selbst betreffen:
„Wenn ich nichts lerne, dann passe ich wohl nicht gut genug auf.“ – wobei das nicht mal stimmen muss (es könnte auch am Lehrer liegen).
 
Es gibt auch andere Faktoren die einen bezugsfreien Vergleich hinken lassen können.
In einer vergleichenden Aussage ohne Bezug, können nun auch eine Ursache und Wirkung vorgegeben werden, egal ob diese zutreffend sind
oder nicht.
Typisch für solche Vergleiche sind bestimmte Adjektive, meist in ihrer 2. Steigerungsform - „leichter“, „besser“, „je mehr“, „intensiver“, „lieber“ etc.
Da der Vergleichsbezug fehlt wird der Leser unbewusst wiederum eine Aussage auf sich, in seiner Situation, beziehen.
Das UB kann den Vergleich dann hierbei nur auf das aufbauen, was es kennt – die eigene Situation sowie die eigene Erfahrung.
 
Wenn dann gesagt wird: „Je besser man aufpasst...“ – wird für sich die Frage „besser als was?“ gar nicht gestellt, sondern es wird auf die
jeweilige individuelle Art und Weise, wie gut „man aufpasst“ bezogen.
 
Es wird dem UB keine Wahl gelassen, solche Aussagen nicht auf sich zu beziehen.
Ebenso die gegenteiligen Rückschlüsse, welche im Wesentlichen die Vergleichsarbeit darstellt, welche durch so eine Aussage erst mal
ausgelöst werden soll.
 
Unser Unterbewusstsein fragt immer nach dem „weil“ (Sinnfrage).
Nimmt man das „weil“ vorweg, indem man es innerhalb des Vergleiches eine Begründung liefert, greift man wieder auf das Wissen zurück, das
sich das UB mit solchen Aussagen zufrieden gibt.
Infolge dessen fragt man in der Regel nicht weiter nach dem „warum“, bzw. ob die Aussage berechtigt ist oder nicht.
 
 
Je mehr man in der Bibel liest, desto mehr wird einem bewusst, wie Jehova diese und viele andere ansprechende Eigenschaften bereits zum Ausdruck gebracht hat.“ – "Was lehrt die Bibel wirklich", S.16
 
 
Solche Aussagen befriedigen das Ursache und Wirkungsschema, dem Grundbedürfnis nach einem Sinn, mit der unser UB nach einem „weil“ sucht.
Nimmt man ein „weil“ vorweg, hier im Beispiel
„Je mehr man in der Bibel liest“, stellt sich der „Studierende“ damit zufrieden, weil der übrige Satz so etwas wie den Anschein einer folgerichtigen Wirkung erweckt.
 
Jedoch müssen diese Aussagen nicht der Tatsache entsprechen, nur weil eine Ursache und eine Wirkung genannt/vorgegeben/diktiert werden –
beide müssen nicht mal etwas miteinander etwas zu tun haben, wie es den Anschein erwecken soll, womit wiederum eine Vorwegnahme einer emotionalen Bewertung übertragen werden kann – dennoch sollen diese beiden Faktoren im Geist des Empfängers miteinander verknüpft werden.
Nur weil jemand „mehr ... in der Bibel liest“, muss es eben nicht der Fall sein, das jemanden die positiven Seiten Gottes auffallen mögen – gerade das AT ist auch blutig und grausam in seinen Handlungsabläufen.
 
Erinnern „wir“ uns an die undefinierte Bezugsgruppe, so empfängt das UB folgende Nachricht:
„Je mehr ich in der Bibel liest, desto mehr wird  mir bewusst, wie Jehova diese und viele andere ansprechende Eigenschaften bereits zum Ausdruck gebracht hat“.
 
Fortan wird man eine Zeit lang die Bibel mit dieser „Brille“ lesen, mit dieser übertragenden Wirkung, dem, was man suggerieren wollte, wie man die Bibel sehen soll.
 
So auch bei folgenden Aussagen als weitere Beispiele dieser Vorgehensweise:
 
1. Je stärker unser Schild des Glaubens ist, desto besser können wir bösen Geistermächten widerstehen.“  – S. 104.
 
2. „Je mehr unsere Liebe zu Gott wächst, desto stärker werden wir von dem Wunsch erfüllt sein, zu tun, was er von uns erwartet.“ – S.121.
 
3. „Je mehr wir unsere Liebe zu Jehova vertiefen, desto größer wird der Wunsch in uns, ein Leben zu führen, das Gott gefällt.“ S. 124
 
4. „Je stärker der Glaube in deinem Herzen wird, desto mehr wirst du dich angespornt fühlen, das weiterzugeben, was du gelernt hast.“ – S. 177
 
5. „Je mehr du Jehova lieben lernst, desto stärker wird dein Wunsch sein, dich ihm hinzugeben und dein Bestes zu tun, entsprechend dieser Hingabe zu leben.“ – S. 179.
 
Die offenen Rückschlüsse der Aussagen lauten:
Zu 1: Wer keinen ZJ-Glauben hat, konnte nicht den „bösen Geistermächten“ widerstehen.
Zu 2: Wer nicht tut „was Gott erwartet“ (= der „Sklave“ erwartet), der liebt Gott nicht.
Zu 3: Wer kein Leben führt „was Gott gefällt“ (was der „Sklave“ vorschreibt), der liebt Gott nicht.
Zu 4: Wer nicht weitergibt was er (vom „Sklaven“) gelernt hat, hat keinen Glauben.
Zu 5: Wer sich nicht (als ZJ) taufen lässt, hat nicht genug liebe zu Gott.
 
Und so wird der offene Bezug eines Vergleiches zu einer Aussage, wo der Leser auch unberechtigte Rückschlüsse treffen wird.
Denn es hat noch lange nichts mit „bösen Geistermächten“ zu tun (1), nur weil man nicht an Gott glaubt - sondern es könnte eher mit den dummen Verhaltensweisen innerhalb einer Religionen zu tun haben, die jemanden abschrecken mögen.
 
Nur weil jemand kein Leben führt, „wie es Gott erwartet“ (2), oder „Gott gefällt“ (3), der liebt doch deswegen Gott nicht weniger – es liegt
vielleicht eher an unterschiedlichen Auffassungen von dem, was Gott von jemanden im persönlichen Einzelfall erwartet - hinter diesen Phrasen
steht auch wieder nur das, was innerhalb der Indoktrinierung als „von Gott kommend“ verkauft wurde, was aber die Lehrinhalte des„Sklaven“ darstellt. Insofern greift man mit dieser Aussage das auf, was bereits indoktriniert wurde, um weiter postulierend darauf aufzubauen.
 
Weil jemand scheu ist und sich nicht traut mit anderen Menschen über seinen Glauben zu sprechen, hat er deswegen noch lange keinen Glauben (4).
Und nur weil man sich nicht als ZJ taufen lassen will, muss man deswegen noch lange nicht „nicht Gott lieben“ – es fehlt vielleicht einfach nur an anderen Dingen, wie z.B. Glauben (was kein Vorwurf sein soll – mir persönlich ist ein ungeheuchelter Unglaube lieber als umgekehrt), eine eigene Gotteserfahrung, oder man möchte sich lediglich nicht als ZJ taufen lassen (5).
Der Bezug zueinander muss also jeweils noch lange nicht zutreffen, nur weil eine Aussage diesen Anschein (und den daraus resultierenden offenen Rückschluss) erwecken will. Beispiele aus dem „Wachtturm“:
 
„Je dankbarer wir sind, desto mehr liegt uns daran, den wahren Gott nachzuahmen“ - WT 15.10.2008, S. 22.
 
Hier zu zwei Anmerkungen:
1. Gott weiß wenn man ihm dankbar ist und 2. darf jeder seine Dankbarkeit so zeigen wie er möchte, welche nicht durch die Ansicht des Sklaven, wie man den wahren Gott nachzuahmen hat, beeinflusst ist.
Das nennt sich Glaubensfreiheit.
Meine Kinder können mir ihre Liebe zeigen, wie sie es wollen, da braucht es keine Vorgaben von jemand anderen...
 
 
„Je mehr wir Gott zuhören und entsprechend reagieren, desto größer wird unser Glaube.“ – WT 01.10.2010 S. 17.
 
 
„Je bereitwilliger wir auf Gott vertrauen und ihm gehorchen, desto deutlicher werden wir die unerschütterliche Liebe des universellen Souveräns verspüren.“ – WT 01.03.2009, S. 13.
 
Anmerkung:
Man beachte den unwillkürlichen Rückschluss und wie ein ZJ sich daraufhin fühlen muss wenn man keine von Gott kommende Liebe verspürt (- auch hier greift man mit der Phrase „ihm gehorchen“ auf die Thesen des Sklaven zurück, denen man eigentlich gehorchen soll).
 
 
„Je näher wir dem Ende des heutigen aggressiven Systems kommen, desto stärker werden wahrscheinlich unsere Freude und unsere Einheit unter Beschuss geraten.“ – WT 15.06.2010.
 
Anmerkung:
Wahrscheinlicher ist es das ZJ aus ganz anderen Gründen „unter Beschuss“ geraten, als wie man es intern erklärt bekommt.
Aber ein ZJ soll das „nahe Ende“ als kommend empfinden, um sich nur noch weiter an seine Organisation zu klammern.
 
 
„Je mehr du über Jehova lernst, desto realer wird er für dich, und deine Liebe zu ihm wird wachsen“ - WT 15.04.2010, S.4.
 
Anm.: Hier wird theoretisches Wissen mit realem Kennenlernen gleichgestellt, was die Folge hat, das zwar individuelle Gottesgefühle erzeugt werden, welche jedoch innerhalb der Gruppierung nur auf Basis der Vorgaben entspringt, was eine eigens erstelle individuelle Ansicht völlig unmöglich macht. Ein ZJ existiert zwar als ein Individuum in seiner Gruppierung, jedoch sind ihm, sowie den jeweilig anderen, die selben psychologischen Mechanismen eingebettet worden, so das, was die religiöse Geistlichkeit betrifft, man von einem Kontinuum sprechen muss, in die jeder ZJ assimiliert wurde, wo eine Abweichung nicht gestattet wird.
 
 
"Je mehr sie sich mit ihrer (*Zeugen Jehovas-)Bibellehrerin und anderen in der (*ZJ-)Versammlung unterhielt, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie Jehova denkt." WT 15.09.2013 
 
*Zusatz vom Autor.
Anm.: Würde "sie" sich mit mir unterhalten, bekäme sie ein zumindest augeklärteres Bild über "Jehova".
 
 
 
Zum Abschluss folgendes Zitat, welches der "weltliche" (Nicht-ZJ) Leser ruhig als Kompliment auffassen sollte:
 
"Je mehr wir uns im Predigtdienst einsetzen, umso deutlicher erkennen wir, wie sehr sich das Volk Jehovas geistig von den Menschen unterscheidet, denen wir predigen."  WT 15.9.2013
 
 
 
 
 
Fazit:
Vorgaben, die im direkten Vergleich hinken würden und im Eigentlichen nur übernommen werden sollen, verpackt man also am Besten in einen bezugsfreien Vergleich, wo dem Anschein nach eine Ursache und Wirkung schon vorgegeben werden.
Zumindest bewerte ich mal so diese Satzstrukturen in der WT-Literatur als willkürliche Vorgaben, die keiner nennenswerten Grundlage entspringen, als allein den Eindruck, den der „Sklave“ mit diesen Aussagen auch nur hinterlassen möchte.
Da der Vergleichsbezug fehlt, nimmt das UB des Studierenden einen Rückschluss mit sich selber vor – dieser bewusst offen gelassene Umkehrschluss wird selber vorgenommen, was im Wesentlichen den Arbeitsvorgang eines Vergleiches darstellt.
Ein Umkehrschluss muss aber an sich nicht folgerichtig sein – da aber leider das UB, und nicht die Ratio, diesen Vorgang übernimmt (es sei man pflegt bewusst solche Aussagen zu hinterfragen), wird sich der “Studierende“ mit dem Gefühl einer plausiblem Ursache und Wirkung zufrieden geben.