5.8. Ängste und Zwänge – die „Blutschuld“
 
 
An dieser Stelle muss ich noch mal auf die Idee von „Harmagedon“ eingehen, da ein ZJ ja nicht nur „für seinen Gott“ von „Tür zu Tür“ geht, sondern auch um Menschen vor dem nahenden Ende von „Satans bösem System“ zu warnen, das „nahe“ bevorstehendes Strafgericht Gottes. Der Gläubige denkt, dass nur eine Mitgliedschaft bei den ZJ („Gottes Volk“) einen Menschen vor Harmagedon retten kann.
Dieser Predigtdienst wird daher als eine Art Pflicht suggeriert:
 
 
“Jehova schätzt das Leben sehr. Er fordert seine Diener auf, sich rückhaltlos einzusetzen, um so vielen wie möglich zu helfen, ihr Leben zu retten. Jeder Diener Gottes muss die lebensrettende Botschaft aus Gottes Wort bekannt machen. Unsere Aufgabe ähnelt der eines Wächters, der warnt, sobald Gefahr droht. Wir möchten bestimmt nicht, dass wir für das Blut derjenigen, die in Lebensgefahr sind, zur Rechenschaft gezogen werden (Hes. 33:1-7). Wie wichtig ist es daher für uns, weiterhin beharrlich ‘das Wort zu predigen’! (Lies 2. Timotheus 4:1, 2, 5.)“ – WT 15.01.2008, S. 4.
 
 
Also nicht nur ein Dienst für Gott, sondern der ZJ bekommt eine Art „Blutschuld“ auferlegt, wenn er nicht für die WTG Mitglieder werben geht:
 
„Gottes Diener, die den Auftrag haben, andere vor der herannahenden Vernichtung in der großen Drangsal zu warnen, können nur dann von Blutschuld frei bleiben, wenn sie diese Botschaft treu verkündigen.“ – „Anbetungsbuch“, S. 156.
 
 
 
„Der Erfolg des Haus-zu-Haus-Dienstes hängt nicht nur von den Reaktionen im Gebiet ab. Das Predigen spielt natürlich eine wichtige Rolle, um aufrichtige Menschen zu retten, aber es dient noch weiteren wichtigen Zielen. Durch das Verkündigen können wir zum einen unsere Liebe zu Jehova beweisen und uns vor Blutschuld bewahren.“
– WT 15.07.2008, S. 11.
 
 
 
„Weltweit müssen noch Millionen Menschen von der guten Botschaft hören, die ihre Rettung bedeuten kann ... Gehen wir doch an unterschiedlichen Tagen oder zu unterschiedlichen Zeiten in den Predigtdienst, dann öffnen uns vielleicht andere Menschen als sonst die Tür. Wenn wir so intensiv nach Menschen suchen, haben wir ein gutes Gewissen und sind frei von Blutschuld.“
– „Königreichsdienst“ 12/09, S. 1.
 
 
„Blutschuld“, vor der es gilt „bewahrt“ zu werden, ist wiederum etwas, was ansonsten ebenso die „falsche Religion“ in „Gottes Gericht“ zu verantworten hat, sofern man folgenden Glauben schenken mag:
 
 
„In den Christlichen Griechischen Schriften wird gezeigt, daß Christen in Gottes Augen auf dreierlei Weise Blutschuld über sich bringen können: 1.durch Blutvergießen, Mord; dazu gehört die direkte oder indirekte Unterstützung einer mit Blutschuld beladenen Organisation (wie Babylon die Große [Off 17:6; 18:2, 4] oder andere Organisationen, die viel unschuldiges Blut vergossen haben [Off 16:5, 6; vgl. Jes 26:20, 21]); 2. durch das Essen oder Trinken von Blut auf irgendeine Weise (Apg 15:20) und 3. durch das Versäumnis, die gute Botschaft vom Königreich zu predigen, wodurch anderen lebensrettende Informationen vorenthalten werden (Apg 18:6; 20:26, 27; vgl. Hes 33:6-8).“ - WTG-“Einsichtenbuch“, Stichwort „Blutschuld“, S. 425.
 
EdA: „Babylon die Große“ = „Weltreich der falschen Religion“ = Alle Nicht-ZJ.
 
 
„... Danach kam Jesus in seiner Rolle als „Bote des Bundes“ an der Seite seines Vaters zu einer Besichtigung des geistigen Tempels (Mal. 3:1). Er richtete die Christenheit, den verwerflichsten Teil „Babylons, der Großen“, und verurteilte sie, weil sie große Blutschuld auf sich geladen und sich durch die Einmischung in die Politik dieser Welt verunreinigt hatte.“ WT 15.09.2010, S. 25
 
 
„... Die Kirchen, die durch ihre Irrlehren Gott jahrhundertelang entehrt und im Ersten Weltkrieg große Blutschuld auf sich geladen hatten, wurden verworfen.“ – WT 01.04.2007, S. 22.
 
 
Man muss also anmerken, dass es selbst innerhalb dieser Gruppierung nur einen schmalen Grad gibt, um „errettet“ zu werden, oder dass man
zumindest nicht vor Gott „zur Rechenschaft gezogen“ wird, sprich in Harmagedon umkommen wird.
Von daher resultiert also noch mehr das suggerierte „schlechte Gewissen“ (= sich schlecht fühlen), wenn man nicht so oft predigen geht, als wie man könnte:
Es wird bewusst „mit der Angst gespielt“.
 
Natürlich würde der ZJ sagen, dass er allein aus Liebe handelt, wenn man ihn gezielt danach fragt, weshalb er weitere Anhänger werben geht.
Auch legt die WT-Literatur ja vor, „Liebe“ als Motiv zu benennen – die „Blutschuld“ und die damit verwobenen Angst wenn man nicht „predigen“ geht, werden dann meist verschwiegen.
Das ist übrigens etwas, was der Interessent erst ziemlich am Ende seines „Studiums“ mitbekommen soll:
Diese Pflicht „predigen“ zu gehen, um von „Blutschuld frei zu bleiben“.
 
Nur wenn er zwischendurch mal zufällig mit in eine Versammlung der ZJ gehen würde und man würde dann gerade zufällig an dem Tag in dieser mehr oder wenigen öffentlichen Veranstaltung auch etwas über diese „Blutschuld“ besprechen, dann erst würde er davon etwas hören –
sofern er der internen Sprache dann schon soweit vertraut ist.
Aber der „Studierende“ wird sowieso erst dann eine Versammlung der ZJ besuchen, wenn er ohnehin den Wunsch verspürt, seine „Wurzeln“ dort zu ankern.
 
 
Aber das Selbstwertgefühl eines ZJ soll noch weiter eingeengt werden.
Es erfolgt noch zusätzlich, zu der Pflicht und der Angst, eine Abhängigkeit in diese „Predigt“-Tätigkeit.
Dies einerseits aufgrund der auferlegten Selbstkritik.
Man kann infolge dieser noch so viele interessante Hobbys nachgehen, oder einen tollen Job haben der eigentlich einen zufrieden machen könnte:
Nur wer auch regelmäßig „predigen“ geht, ist „wirklich glücklich und zufrieden“.
 
 
„... Was tat Amy? Sie erzählt: „Ich bat die Ältesten, mir zu helfen, mein Verhältnis zu Jehova zu retten, und ging wieder zu den Zusammenkünften. Bei einem Lied kamen mir plötzlich die Tränen, weil es mich daran erinnerte, wie glücklich ich während der fünf Jahre im Pionierdienst gewesen war, obwohl ich damals nur wenig besaß. Mir wurde klar: Ich durfte meine Zeit nicht länger damit verschwenden, dem Geld nachzujagen, und musste das Königreich wieder an die erste Stelle setzen. Ich ließ mich an meiner Arbeitsstelle zurückstufen, was mich
die Hälfte meines Gehalts kostete, fing wieder mit dem Predigtdienst an und konnte dann einige Jahre den Pionierdienst verrichten. Jetzt verspüre ich eine tiefe innere Befriedigung, wie ich sie nie empfand, als ich noch die meiste Zeit für die Welt arbeitete.“ - WT 15.01.2008, S.19.
 
Obenstehendes Beispiel, entnommen aus einem WT-Artikel welcher speziell dazu „ermuntern“ soll „mehr predigen“ zu gehen, zeigt wie diese Abhängigkeit der suggerierten Momente in denen man sich selber als glücklich, oder zufrieden betrachten darf, sich auswirken können.
Das einzige was diese „Amy“ glücklich zu machen scheint ist der Predigtdienst, den sie als so genannter „Pionier“ (freiwillig 70 Stunden der Tätigkeit in der Mitgliederwerbung) durchführte.
Wenn ihr bewusst gewesen wäre, das sie einer emotionalen geprägten Weltanschauung unterliegt, in der es Glück nur in Verbindung mit ihrer Religionsorganisation zu geben scheint, dann hätte sie bewusst diese Werte einer guten „weltlichen“ Arbeit neu emotional markieren können.
 
Aber so ist es eine Abhängigkeit in diese Tätigkeit, aufgrund einer zweiseitigen Prägung. 
Die Durchführung wird intern als das „Beste“ und „Sinnvollste“ gepriesen, was man als Mensch auf Erden durchführen könne:
 
 
„Es gibt für uns wirklich nichts Besseres, als anderen zu erzählen, wer Jehova Gott ist und worin sein Wille besteht. Wir könnten keinem besseren Herrn dienen und keine lohnendere Tätigkeit verrichten.“  – „Was lehrt die Bibel wirklich?“, S. 189.
 
 
 
 
 
„Wer sich für das Werk Gottes eifrig einsetzt und immer treu zu Jehovas Organisation hält, der genießt bei Jehova einen sehr guten Ruf und gibt anderen Christen ein gutes Beispiel. Seine Taten werden sozusagen besungen und kommen anderen in der Versammlung zu Gehör.“  
- WT 15.08.2008, S. 31-32
 
 
 
 
 
 
 
 
„Eine junge Pionierin namens Daphne berichtete...: Wenn du alles tust, was du kannst, um Jehova zu gefallen, dann fühlst du dich richtig gut— echt zufrieden!“ - WT 15.05.09, S.17.
 
 
Aber was ist mit denen die es, nach der Prägung, nicht tun?
Der lebt fortan mit einem geprägten negativen Gefühl, dem negativen Selbstwertgefühl aus „egoistischen Gründen nicht richtig Gott gedient
zu haben“, sprich innerlich leer (sich selber als mit Blutschuld beladen = das eigene Leben verwirkt zu haben).
Ursache ist das geprägte Selbstbild, aber auch das soziale Umfeld dieser Bruderschaft, die in einem uneifrigen und unregelmäßigen
„Verkündiger“ einen „schlechten Umgang“ vermuten, welcher keine Ursache liefert „geliebt“ zu werden, wessen "Taten" dann nicht "besungen" werden können..
 
In der Bibel habe ich mal gelesen, dass ein Christ in seiner Frucht des Geistes, der Liebe, oder in seiner Bruderliebe niemals nachlassen würde.
 
Eine Prägung hat immer zwei Seiten:
Einmal die offensichtliche und offen ausgesprochene Aussage – dann aber auch die Botschaft, die durch den selbst gebildeten Rückschluss auf
sich selbst gezogen wird.
Solche Aussagen, welche eine solche Selbstbewertung implizieren, fangen meist mit „wer“ an.
Beispiel:
„Wer Obst und Gemüse isst, lebt gesund.“
Rückschluss:
Wer es nicht tut lebt ungesund.
 
Unter dieser implizierten Selbstbeurteilung muss man auch solche Wachtturmaussagen hinterfragen, ob auch jeder dieser Rückschlüsse berechtigt ist.
Meistens nämlich nicht.
Aber das wird bewusst offen gelassen.
 
 
Die Nichtdurchführung der Mitgliederwerbung führt also zu einem suggerierten kritischen Selbstbild und somit zu einer negativen Gefühlswelt, da es keine Dinge mehr zu geben scheint, durch „profane Dinge“ wie Hobbys, der „weltlichen“ Familie, oder Arbeit, ein innere Erfülltheit verspüren zu können.
 
 
 
Es gibt für einen ZJ keine vergleichende Tätigkeit zur Aufwertung seines Selbstwertgefühles, als wie sein „Predigtdienst“.
Es ist seine Daseinsberechtigung.
 
Somit gibt es auch keinen anderen Kanal, in der so ein ZJ sich selber einen Selbstwert zuschreiben könnte – von diesen Tätigkeiten in der
Religion sind nämlich dann nicht nur das eigene Recht zum (ewigen) Leben, sondern auch die weiteren sozialen Komponenten abhängig.
 
Die Hobbys machen nur dann Freude, wenn man auch „predigen“ geht, weil diese ja dann keinen „Egoismus“ mehr darstellen, sondern einen Ausgleich zum „Predigen“ bilden.
Wie eine Schallplatte, die jahrelang immer ihre gewohnten Bahnen fährt, fällt es ab einen gewissen Zeitpunkt schwer sich auf neue Bahnen einzulassen, auf die man sein Wohlbefinden hätte aufteilen können - vor allem wenn diese eine negative Markierung erhielten.
 
Das es schlichtweg ein verunglimpftes Selbstbild ist, welches die LK ihren Mitgliedern auferlegt, die es schafft durch suggestive Prozesse einen Menschen in seiner gesunden Selbstliebe zu beeinflussen, dessen sind sich die Mitglieder der Zeugen Jehovas völlig im Unklaren.
 
Aber genau so funktioniert unser Unterbewusstsein eben nur unbewusst; ebenso wie wir die Gründe für unser Verhalten und unser Empfinden eben nicht immer zu durchschauen wissen.