5.7. Psychologische Mechanismen innerhalb der Gruppierung - das Selbstwertgefühl eines ZJ
 
 
Aus der optionalen „Liebe zur Wahrheit“ und der ihm entgegengebrachten Liebe ist der Studierende nun innerlich zu einem ZJ
geworden – es geht hier nun um die Phase vor und nach der Taufe.
Es wird Zeit das er sich weiter in die Gepflogenheiten und den Dingen, die man ihn noch nicht beigebracht hat, weiter einleben zu lassen.
 
Hinzu kommen dann noch die neuen (emotionalen) Prägungen von dem was innerhalb der Gruppierung als „gut“ und „schlecht“ definiert wird,
die man unweigerlich auch auf sich selber bezieht.
Mit dem Rauchen aufzuhören ist hier nur ein harmloses, wenn auch sinnvolles Beispiel und die Rede ist auch nicht von der positiven Veränderung, wie der Ehrlichkeit oder dem Einhalten von vernünftigen Verhaltensweisen, wie sie auch im Humanismus wegen den daraus resultierenden Vorteilen praktiziert werden.
 
Gemeint ist hier, was einen ZJ in seinem Selbstbild, seinem Selbstwertgefühl und seiner Selbstliebe vom normalen Menschen unterscheidet.
 
Denn klar ist das auch „ungläubige Menschen“, die mit dem Rauchen aufgehört haben, sich danach in ihrem Selbstwertgefühl „besser“ fühlen mögen.
 
Die Rede ist hier viel mehr von der neu geprägten Selbstkritik, von der das Selbstwertgefühl eines emotional vereinnahmten ZJ von nun an beeinflusst wird.
Denn es wurden noch weit mehr Faktoren hinzuaddiert, von denen ein ZJ sein Selbstwertgefühl abhängig gemacht bekommt, als wie einfach nur der gute Mensch zu sein der er auch ohne diese Religion sein könnte.
 
 
„Die Bibel ist der Schlüssel, der uns jetzt schon den Weg zu einem glücklichen Leben erschließt.“ - („Was lehrt die Bibel wirklich?“, S.6.)
 
 
Gemeint ist hier, was die LK vorgibt „biblisch“ zu sein, was dann glücklich machen soll.
Ob dieses Selbstwertgefühl positiv oder negativ ausfällt, ist bei einem ZJ ab einen bestimmten Zeitpunkt (kommt drauf an wie schnelle er  
innerlich vereinnahmt wurde) von seiner eigenen Verhaltensweise gegenüber den Normen und Tätigkeiten, welche in Verbindung mit der WT-Organisation stehen, in Abhängigkeit geraten.
 
Je nachdem wie er sich selber gemäß diesen Normen verhält und sich selber gemäß einer auferlegten Selbstbeurteilung betrachten darf, fühlt er sich „gut“ (glücklich, zufrieden usw.) oder eben „schlecht“.
Denn diese erworbene Prägung hat auch einen Einfluss auf das „Bauchgefühl“, da dieses fortan gemäß den neu gepolten Emotionen agiert, und entsprechend den ZJ „schlecht fühlen“ lässt, wenn dieser etwas entgegen der „neuen Meinung“ unterlassen oder unternehmen will.
 
Dies artet sich in einem mehr als unguten Gefühl aus, wenn man z.B. nicht so oft „predigen“ geht obwohl man „mehr machen“ könnte, man in den Zusammenkünften keine Kommentare gibt, man sich heimlich mit „weltlichen“ Freunden trifft usw.
Es gibt eben eine ganze Reihe von neuen Richtlinien.
 
Oft beobachtet man dann auch ein Scheuklappen-artiges Verhalten, wenn man ehrliche Kritikpunkte auf Informationsebene liefert (falls
man sich diese als ZJ überhaupt anhört) – sie werden dann ignoriert oder bagatellisiert, weil sie keinen Zugang zu der Ebene liefert, wo die
Glaubenslehre wirklich verwurzelt ist.
 
Das, was einen ZJ im Sinne der LK zu einem glücklichen und zufriedenen Menschen machen soll, lässt sich kurz auf die Tätigkeiten eines ZJ reduzieren, vor allem auf die Mitgliederwerbung für die Wachtturmgesellschaft.
 
 
„Es gibt für uns wirklich nichts Besseres, als anderen zu erzählen, wer Jehova Gott ist und worin sein Wille besteht. Wir könnten ... keine lohnendere Tätigkeit verrichten.“ – „Was lehrt die Bibel wirklich?“, S. 189-190.
 
 
„Wir erleben, wie viel Freude es macht, den Willen Jehovas zu tun, und wie befriedigend es ist, zusätzliche Aufgaben im Dienst
und in der Versammlung zu übernehmen“. – WT 15.04.2010, S. 28.
 
 
Wenn man einen ZJ fragt warum er das macht, nennt er seine optionalen Gründe: „Liebe zu Gott“, „Liebe zu den Menschen“, „nur so diene ich
Gott richtig“ usw.
 
 
„Aus tiefer, von Herzen kommender Liebe zu den Menschen werden wir auch künftig jederzeit und überall Gelegenheiten zum Predigen suchen.“ - WTG-Buch „Komm folge mir nach“, S. 90.
 
 
„Durch unser Predigen helfen wir aufrichtigen Menschen, unserem himmlischen Vater näher zu kommen und den Weg zum ewigen Leben einzuschlagen. Was könnte befriedigender sein? Außerdem stärkt das Zeugnisablegen für Jehova und sein Wort unseren eigenen Glauben und vertieft unsere Liebe zu Gott.“„Was lehrt die Bibel wirklich?“ – S. 190.
 
 
Gemeint ist hier immer nur die Mitgliederwerbung, wenn von „anderen von Gottes Willen erzählen“, „zusätzliche Aufgaben im Dienst“ oder schlicht vom „predigen“ die Rede ist.
Und tatsächlich verhilft die Durchführung dieser Tätigkeit auch zu einem gewissen auto-, suggestiven Glücksgefühl, weil man tatsächlich glaubt etwas echt „sinnvolles“ ausgeübt zu haben.
 
Derselbe Effekt kommt bei einem Kleinkind auf, wenn es von seinen Eltern dafür gelobt wird, wenn es eine Sandburg gebaut hat, oder ein
Bild gemalt hat – fortan wird ein Kind bei solchen Tätigkeiten sich auch weiterhin wohl fühlen.
Wenn man ein Kind dafür loben würde, wenn es z.B.den Sandkasten mit in das Wohnzimmer nehmen würde, dann würde es auch dies in
Zukunft gerne weiter tun...
Die positiven Momente, in denen man sich sagen darf „jetzt kann ich glücklich/zufrieden sein“, oder „jetzt gerade zeige ich meine Liebe zu Jehova“, werden ebenso in Verbindung der Tätigkeiten geprägt, welche man unter der Wachtturmgesellschaft und somit letztlich für deren LK vollbringt.
Doch der Gläubige denkt, er tue „etwas für seinen Gott“, womit er den „Sandkasten“ überall mit hin nimmt.
 
 
„Wirkungsvoll zu lehren ist etwas sehr Lohnendes. Durch unser Lehren können wir geben und Geben macht glücklich (Apostelgeschichte 20:35). Dieses Glück entspringt dem freudigen Bewusstsein, dass wir etwas von echtem, dauerhaftem Wert vermitteln: die Wahrheit über Jehova. Außerdem haben wir die befriedigende Gewissheit, dem Beispiel Jesu zu folgen, des größten Lehrers, der je auf der Erde lebte.“ – „Was lehrt die Bibel wirklich?“, S. 127.
 
 
Gemeint ist auch hier immer nur die Mitgliederwerbung, die zum persönlichen „Glück“ verhelfen soll, wenn von „die gute Botschaft zu lehren und predigen“ die Rede ist.