5.6. Gedankenstopp

 
 
5.6. Der „Gedankenstopp“
 
 
Ein Beispiel für so eine typische emotionale Prägung eines ZJ kommt mit der selbstkritischen negativen Bewertung des Selbstbildes auf, wenn man anfängt an der eigenen Religion zu zweifeln.
Selbst das Gefühl von Zweifel, was eigentlich einen natürlichen Instinkt zur Wahrheitsfindung darstellt, wird vom "Sklaven" als „vom Teufel kommend“ suggeriert, wenn er in Verbindung mit WT-Lehren aufkommt, was ein Weiterdenken von berechtigten Kritikpunkten stoppen soll (daher auch „Gedankenstopp“ genannt).
 
Das er sich trotz guter Gegenargumente, die man ihn vielleicht als Verwandter oder enge Freunde entgegnete, dort nicht mitzumachen, dennoch dort weitermacht, erlaubt ein programmiertes Verhalten sich selber als „vom Teufel geprüft“ zu betrachten, was ihn bei den ZJ natürlich zu weiterer ihm entgegengebrachter Anerkennung führt.
 
Man hat sich relativ früh bemüht diesen in den Sinn zu übertragen; im Buch „Was lehrt die Bibel wirklich?“, schon im ersten Kapitel, auf S.
17, findet man erste Ansätze:
 
 
„Wenn wir die Bibel studieren und immer mehr daraus lernen, müssen wir allerdings damit rechnen, dass uns manche durchaus in guter Absicht daran hindern wollen.“
 
 
Im weiteren Verlauf des Buches wird immer wieder verankert, erst wie „vorteilhaft“ es sei, bis hin zur „Wichtigkeit“, die Bibel zu "studieren" (nach Art des "Sklaven"), sich ja nicht weiter von abhalten zu lassen - doch später dann in Verbindung mit konkreteren Ambitionen, wo eingeredet wird, das Freunde und Verwandte gar vom Satan beeinflusst seien:
 
 
„Satans Einfluss kann sich also dadurch bemerkbar machen, dass Freunde, Verwandte oder andere dagegen sind, dass wir die Bibel studieren und das Gelernte umsetzen.“ – „Was lehrt die Bibel wirklich?“, S. 120.
 
 
Innerhalb der Gruppierung, nach der Taufe, wird dies natürlich noch beibehalten.
Zweifel (eigentlich ein mögliches Werkzeug zur Wahrheitsfindung) ist dann ein „Werkzeug des Teufels“ und wird mit „Unglauben“ oder  Undankbarkeit gleichgestellt.
 
 
WT 15.03.1986, S.17:
„Laß dich vom Teufel nicht zu einem Kandidaten der Abtrünnigkeit machen, indem du ungeduldig wirst und die Verheißungen Gottes in Zweifel ziehst! Sei geduldig, sei dankbar.“
 
 
WT 15.03.2010, S.30-31: 
„Unser Herz kann nicht rein bleiben, wenn sich dort Unglauben breitmacht. Mit welchen Ideen versucht der Teufel, unseren Glauben an Gott zu untergraben? Da wären zum Beispiel die Evolutionstheorie, der moralische und religiöse Relativismus sowie Zweifel, ob die Bibel wirklich von Gott ist. Wir dürfen uns von solchem tödlichen Gedankengut nicht anstecken lassen.“
 
 
WT 15.07.2010, S. 13:
„Heute gehen Verfolger manchmal genauso raffiniert vor. Sie präsentieren kleine Stückchen Wahrheit, um Vertrauen zu erwecken, streuen aber geschickt Unwahrheiten ein, um Zweifel zu säen.“
 
 
So eine angeeignete Exklusivität, wo kein Zweifel zugelassen werden darf, hat natürlich die verschiedensten Auswirkungen emotionaler Natur.
Ich denke da nur mal an die innere Unsicherheit, wenn man aufgrund eines Zweifels nicht mal einen Gedanken zu Ende denken kann.
Es führt aber auch zu einem falschen Stolz – „falsch“ deshalb, weil die Grundlagen zum eigenen Glaubensbild „in der Wahrheit zu sein“ nie
durch Zweifel erprobt werden könnten, ob diese Zweifel berechtigt sind oder nicht, was aber eine Zutat für einen „aufrichtigen“ Glauben wäre.
 
Ohne Zweifel gibt es keine Aufrichtigkeit. Nur Blindheit.
 
Ich persönlich betrachte Zweifel als eine göttliche Gabe.
 
Genau genommen könnte jetzt Jesus Christus persönlich diesen Indoktrinierten in einer Vision erzählen, dass er auf einem falschen Weg ist – so käme diese Vision von Satan dem Teufel.
Sobald also ein Freund des Studierenden sich als ein solcher verhält und berechtigte Kritikpunkte aufzeigt, gegen die Glaubensansichten der ZJ, ist dieser vermutlich doch kein guter Freund, sondern nur ein weiterer Bewohner der „bösen Welt“, die „vom Satan regiert“ wird.
Im Grunde hat man es geschafft alle Wege und Kanäle, um einen solchen Menschen eines Besseren zu belehren, „dicht“ zu machen.
 
 
 
 
Foto v. "Comanch"  -  Quelle: www.piqs.de
 
 
 
Alleine selbst gemachte Erfahrungen oder eigene Überlegungen „unerlaubter ketzerischer“ Natur, die Entgegen der „Wahrheit“ der LK stehen, könnten ihn jetzt noch zu einer selbstständigen, auf Vernunft basierenden Überlegung führen, um ihn gar nicht erst weiter in die psychologischen Mechanismen dieser Bruderschaft eingliedern zu lassen.