4.4. Eine vernünftige Exegese?
 
 

In der Frage wieso ein Zeuge Jehovas etwas glaubt, was die Bibel in ihren sinngemäßen Grundtexten an sich nicht hergibt, habe ich an dieser Stelle es für nötig empfunden, etwas über eine sinnvolle Ergründung eines biblischen Glaubens zu schreiben, dies als Alternative zu der Sinnverzerrung des Grundtextes.

Es ist innerhalb jener Kirchen üblich, welche eine christliche Theologie aufstellen, allgemein bekannt, dass man eine Bibelauslegung nach gewissen Regeln vornehmen sollte.
 
 
Abgesehen von den christlichen Gruppierungen, welche intern eine fundamentalistische Auslegung der Bibel befürworten, um ihren Mitgliedern zu suggerieren, das nur sie die Bibel als „Gottes Wort“ „richtig“ umsetzen würden. 
Möglicherweise liegt der Zweck dann jeweils in der Mitgliederbindung, genauso wie bei den Zeugen Jehovas auch; mit Erfolg: es gibt Christen, die verlassen freiwillig eine Freikirche um sich einer fundamentalistischen Gruppierung zuzuwenden - das habe ich auch schon beobachtet, das man hier seiner emotionalen Prägung folgt und sich dort hinbegibt, wo man sich aufgrund des persönlichen Entwicklungsstandes gerade wohlfühlt.
 
Jedoch gibt es Dinge, denen man bei der Erstellung einer Exegese Beachtung schenken sollte, welche schon fast mehr eine wissenschaftliche Vorgehensweise darstellt, die über den Wunsch hinaus geht die Bibel lediglich im privaten Rahmen autodidaktisch verstehen zu wollen, Verse selber hinterfragend und dabei selber die Hintergründe recherchierend, oder „induktiv“ vorzugehen.
 
Exegese bedeutet im Prinzip, das man aus einem altertümlichen Text den ursprünglichen Sinn des Autors zu ergründen sucht, um ihn dann in weiter zu erläutern - was übrigens mit dem Khoran ebenso möglich ist.
Daher ist ein ungeheures Sprachverständniss der altertümlichen Sprachen notwendig, denn der Vorgang einer Exegese fängt schon bei der Bibelübersetzung an.
 
Jede Bibelübersetzung für sich, stellt bereits eine Auslegung des hebräischen und griechischen Grundtextes dar.
Daher sollte man als „geistliche Führung“ schon hier bei der Glaubens-Basis, der Bibel, gerade wegen der späteren Auslegung einzelner Bibelpassagen für die eigene Muttersprache, einige dazu notwendige Regeln beachten, da man ansonsten nach blanker Willkür die Bibel so übersetzen und somit den Grundtext schon mit einer gewünschten Richtung auslegen könnte wie man wollte.
Der Grundtext wäre dann sonst verfälscht.
Diese Grundregeln findet man in der "historisch-kritischen" Exegese.
 
 
Einer heutigen kirchlichen Führung welche den Anspruch erhebt Bibelwissen an ihren Anhängern zu vermitteln, sollte man es daher zumuten, wenigstens einige Grundregeln der Exegese (Auslegung) nachvollziehbar durchgeführt zu haben, um die daraus gewonnenen Erkenntnisse den jeweiligen Mitgliedern aufgrund einer authentischen Methode weitergeben zu können.
Sicherlich wird nicht jede Freikirche die "historisch-kritische" Methode an die Fahne hängen.
Und ich kann nicht behaupten zu wissen, ob alle christlichen Denominationen diese Methoden überhaupt schon einmal überdacht haben, um wenigsten einige Bibelpassagen einmal neu zu beleuchten.
Dies kann und soll daher keine Pflicht sein. Ich kann nur sagen, das es zum Glück auch Gemeinden gibt, welche einmal ihre eigene Theologie in ihren Gründzügen verfolgt, dann aber ihre Mitglieder in ihren jeweiligen Erkenntnisstand sich weiterentwickeln lässt, ohne etwas aufdrängen zu wollen, wo eine Exegese mit Einwänden und Querdenken selbst erstellt werden darf, da der Mensch nur das glauben sollte, was er selber auch nur auf seine Art glauben kann.
Dennoch kann man aufgrund der Betrachtungsweisen und Vorgängen der "historisch-kritischen" Exegese eine Gegenüberstellung zur "Willkür-Exegese" der Wachtturmgesellschaft, oder besser gesagt, den Schreibern der "geistigen Speise" für die Zeugen Jehovas, aufstellen.
 
 
 
 
 
 
Wobei die „historisch-kritische“ Methode hier nicht negativ im Sinne von Bibelkritikern erfolgt, sondern im Gegenteil:
 

Diese kritische Vorgehensweise, welche auch Raum für Zweifel zulässt, hatte im allgemeinen Christentum zu einem noch besseren Verständnis des christlichen Glaubens beigetragen.

Zwar hatte man sich aufgrund dieser Methode erhofft, das die Kirchenmitglieder nicht mehr sinken würden, da aufgezeigt wurde das man nicht nur mit Glauben, sondern auch mit Vernunft die Bibel betrachten kann - das Ziel wurde zwar verfehlt - aber das aus dieser Arbeit gewonnene Wissen ist geblieben.

Zweifel sollte im Leben eines Gläubigen ein Verbündeter sein, welcher ihn demütig wissen lässt, das die persönliche Sichtweise nur das Resultat von dem sein kann, was er persönlich angenommen hat, selber interpretiert wurde, und somit auch Fehler beinhalten kann.

Das trifft genauso auf die Einzelaspekte dieser Methode zu, wie der Textkritik.
Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht einen biblischen Text zu erstellen der dem Sinn im Original so nahe wie möglich kommt.
Nach bestimmten Regeln werden die Texte der ältesten bekannten Funde miteinander verglichen und sortiert.
Danach wird der Text einer sprachwissenschaftlichen Analyse, aber auch einer Analyse der damaligen Bedeutung von Wörtern unterzogen, dies unter den Mantel der bekannten altertümlichen kulturellen Begebenheiten, sowie den Entwicklungsprozessen dieser damaligen Kulturen.
 
Z.B. war vom Sinn her in biblischen Zeiten nur der ein „Feind“, von der Bedeutung des Begriffes her, wenn dieser persönlich jemanden nach dem Leben trachtet.
Heute wird dieser Begriff weitreichender verwendet, z.B. bei Mobbing, im Dauerstreit mit Nachbarn o.a.
Genauso haben sich im Laufe der Zeit bei vielen weiteren Begrifflichkeiten die Bedeutungen verändert, was man als einfacher Leser ohne Hintergrundwissen nur vermuten kann (Missverständnisse vorprogrammiert).
 
Fachwissen in der hebräischen und griechischen Sprache sollte man einer Kirchenführung, welche eine eigene "Bibel" publiziert, demnach schon zutrauen, um die Entstehung der Bibel, so wie sie heute verfügbar ist, an den Grundtexten nachvollziehen zu können.
 
Andere christliche Gruppierungen verwenden in der Regel die Bibeln, welche von Bibelinstituten veröffentlicht sind, wo man sich der nötigen Sorgfaltspflicht in der Erstellung einer authentischen Bibel bewusst ist.
 
Bei der Hermeneutik (im Sinne von Auslegung zur Aufstellung einer biblischen Theologie) werden dann ebenso auf die gängigen Methoden der Exegese zurückgegriffen.
Die Zusammenstellung des Grundtextes der Bibel, wie er uns heute vorliegt, ist an sich „in festen Tüchern“.
Einerseits erhebt der „Sklave“ den Anspruch, das er sich auf die fertige Zusammenfassung des Grundtextes von Westcroft & Hort (W&H)zurückgreift, was jetzt hier nur mal das NT der „Neuen-WeltÜbersetzung“ („NWÜ“) betrifft. 
W&H haben an sich eine als anerkannt geltende und wissenschaftlich genaue Umsetzung des griechischen Grundtextes erarbeitet.
 
Jedoch enthält die „NWÜ“ dagegen deutliche Unterschiede, nicht nur zu den renommierten Werken, sondern dazu noch deutliche Sinn-Abweichungen vom Grundtext.
Belegende Beispiele hierfür findet der Leser unter -> 7.11 Die Verwendung der eigenen internen "Bibel" - Werkzeug "NWÜ".
 
 
Aber nicht nur das von Fall zu Fall Eigeninterpretation markanter Bibelpassagen vorgenommen wurden, so stellt der „Sklave“ heraus, das man zusätzlich andere Übersetzungen als „Hilfe“ hinzugenommen hat, wenn es z.B. um die Wiedergabe des Namens „Jehovas“ im NT geht.
Anstatt bei dem an sich gut rekonstruierten Grundtext zu bleiben, wird zusätzlich noch in anderen Bibelübersetzungen „abgeguckt“, wo einmal mehr der Name „Jehova“ oder „JHWH“ im neuen Testament eingesetzt wurde, obwohl unklar ist ob diese anderen Bibelübersetzungen authentisch sind, geschweige ob bei deren Übersetzung überhaupt ein Grundtext eine Rolle gespielt hat.
 
Auch wird verhehlt, aus welchem Verständnis heraus diese hebräische Bibeln JHWH einsetzen – denn m.E. (und damit stehe ich nicht allein´) kann die Bedeutung des Tetragammatons „ich bin wer ich bin“, auch auf Jesus ausgelegt werden, der nun mal einen Teil der Gottheit der Bibel darstellt:
Denn ohne Jesus wäre der himmlische Vater nicht der himmlische Vater und somit JHWH nicht JHWH - da wäre es nicht der Gott der Christenheit.
Als Teil der Gottheit hätte Jesus genauso das Anrecht mit JHWH benannt zu werden – daher mein Nachhaken, aus welchen Motiven heraus andere Bibelübersetzungen diesen Titel eingesetzt haben, welche an sich konträr zu den Ansichten eines ZJ verlaufen können.
 
Doch den ZJ wird gar nicht erst weiter erklärt, womit und aus welchem Verständnis heraus eine hebräische Übersetzung vom Grundtext abweicht, an die sich aber dann der „Sklave“ für seine NWÜ zu orientieren pflegt.
Das eine an sich gute Zusammenstellung des Grundtextes, wie diese von Westcroft & Hort nun mal geliefert wurde, dann aber doch innerhalb der "NWÜ" zum Zwecke der eigenen Lehrmeinung der LK verändert wurde, wird noch im Laufe der weiteren Ausführungen dieses Buches immer wieder mal an konkreten Beispielen verdeutlicht.
Dies u.a. in Form eines konkreten Einblickes in diesen Grundtext selber.
 

Doch noch weitere Regeln sollte man gemäß der „kritisch-historischen“ Exegese beachten:

Es wäre sinnvoll eine Literarkritik vollzogen zu haben, welche sich bemüht, die inneren Zusammenhänge des vorliegenden Grundtextes zu prüfen.
Die Existenz von doppelt vorkommenden Bibelpassagen, unvereinbaren Gegensätzen, Eigenheiten im Schreibstil und anderen Indizien, lassen erkennen dass manche Bibelbücher zusammengesetzt wurden.
Jede Epoche hatte ihre Eigenarten der Ausdrucksweisen, sowie jeweils verschiedene Schwerpunkte ihrer damaligen Interessen.
Aufgrund dessen hat man festgestellt das es Bibelbücher gibt, die von mehreren Schreibern kommen könnten, was etwas über den Grund und der Geschichte der Niederschrift dieser oder jener Passagen folgern lässt.
Eine solche Analyse könnte verhindern, oder ausschließen, das aus einer längst abgeschlossenen Geschichte, oder der Mittelpunkt eines damals vorhandenen Interesses (z.B. der Kauf der Höhle wo Abraham seine Frau Sara zur Ruhe legen wollte), eine willkürliche Grundregel, oder ein Grundsatz von heutiger Bedeutung abgeleitet wird, welche eine Bibelpassage an sich nicht liefert. Abgeschlossene Geschichten sind nun mal abgeschlossen (was anderes ist es natürlich wenn man einen Lehrpunkt aus einer Geschichte, z.B. für eine Predigt, hervorheben möchte).
 
Dann kann/sollte man noch eine Redaktionskritik durchführen.
Ähnlich wie bei der Redaktion einer Zeitung, welche Texte verändern mag bevor diese gedruckt werden, so hinterfragt man in der Redaktionskritik gezielt nach den Gründen, wieso solche Änderungen vorgenommen wurden und wie es genau zu diesem Endbild gekommen ist.
Es ist übrigens eine gute und autonome Methode, um gezielt die „NWÜ“ mit anderen Bibeln zu vergleichen, um Rückschlüsse zu ergründen, wieso diese so anders ist als andere.
Diese Methode soll bei passender Gelegenheit auch hier angewendet werden.
Klar ist, dass die Hermeneutik der LK, mit der Motivation eine Kluft zur allgemeinen Christenheit zu schaffen, dabei mit eine Rolle spielt.
Es verhilft auch mit zur Lösung der Frage, wie und wodurch genau diese Kluft zur übrigen Christenheit gelegt werden soll und was zusätzliche Erweiterungen in einer „NWÜ“ im inneren Menschen beim ZJ bewirken kann oder wie sie sich aufgrund der angewandten Willkür in der "Organisation Jehovas" mit ihrer eigenen Bibel bestätigt fühlen.
 
Aber bei solchen bewusst fehlerhafter Darstellung eines Sachverhaltes, handelt es sich um einen Manipulationsversuch, was der Unkundige nicht bemerkt, dann aber ideell und emotional aufnehmen mag.
 
Genauso sollte man eine Analyse der Form von Aussagen und ihren ursprünglichen Zweck (Formgeschichte) vornehmen.
Die „5-W-Methode“ (Hinterfragen von Bibelpassagen: Wer sagt Was Wann zu Wem und Warum?) würde dem ziemlich nahe kommen.
Wann wurde für wen eine bestimmte Aussage (welche) getroffen und warum?
Es ist die Zweckgerichtete Analyse eines Bibelverses oder einer gesamten Passage, daher auch  Formkritik (Frage nach der Form der Passage, ob Psalm, Gebot o.a.) benannt.
Das Beachten dieser Methode verhindert, dass ein Bibelvers aus einem anderen Zusammenhang gerissen wird um etwas völlig Themen-fremdes zu untermauern.
Gerade wenn es um die Darstellung der Vorstellungen eines „Sklaven“ über dieses „Paradies auf Erden“ geht.
 
Genauso könnte man dazu noch eine rhetorische Analyse durchführen, wenn es um biblische Aussagen geht, mit denen man eine Aussage an die Zielperson übermittelte.
Oder die narrative Analyse, welche erforscht inwieweit der damalige Leser direkt sich von einer Aussage angesprochen gefühlt haben mag und welche Gründe es geben kann, wenn mancher Leser von heute sich genauso angesprochen fühlen könnte.
 
Die rhetorische und narrative Analyse verhelfen zu neuen biblischen Aspekten und seien hier deshalb nur mal der Vollständigkeit zuliebe am Rande erwähnt.
 
Siehe auch:
 
 
(Probleme beim Link? bitte mailen: boasb@aol.com)
 
Soweit zu den möglichen Methoden, mit der man systematisch die Bibel ergründen könnte.
Doch der „Sklave“ ignoriert diese.
 
Die große Kluft der Zeugen Jehovas zur allgemeinen Christenheit mag also mit darauf beruhen, das in den Anfängen der Bibelforscher (Die Gruppierung, von der die Zeugen Jehovas sich loslösten) man daranging in einer kleinen autodidaktischen Gruppe die Bibel neu auszulegen, ohne größeres Grundwissen oder ohne eine sinnvolle Methode der Bibelauslegung vorgenommen zu haben.
Die adventistischen Einflüsse welche bei Russel, Gründer und erster Präsident der Wachtturmgesellschaft (WTG), mitwirkten, waren ebenso in seiner damaligen Endzeitthematik bemerkbar.
Ich kann sagen, das die Bibelforscher damals, ganz bewusst, eine von der allgemeinen Christenheit abweichenden, neuen Ansatz, eines biblischen Glaubens zu konstruieren suchte – man wollte eine neue Religion gründen.