4.1. Der Bibelfundamentalismus des „Sklaven“
 
 
Aufgrund der Einwirkung des „Sklaven“ auf seine Anhänger ist ein ZJ sich kaum gewahr das die Bibel an sich Widersprüche enthält, oder an sich inkonsequent ist.
Dies ist eine logische Folge dessen, da man hier meist fälschlicherweise vergisst, jedes Bibelbuch als eine Schrift für sich zu betrachten.
Jedes hat ihre eigenen Hintergründe. Und dementsprechend auch nur etwas individuell erfasstes was aus einer unbekannten Gesamtsituation jeweils der Auffassung des Schreibers unterlag, es auf seine Möglichkeiten hin uns mitzuteilen. 
 
Wo jedoch normalerweise jeder Mensch die Bibel für sich anders betrachten könnte und demnach mehrere oder wenige „Diskrepanzen“ entdecken würde, kommt dies während eines „Studiums“ bei ZJ kaum vor.
 
 
Ein Widerspruch, das sollte man erwähnen, kann natürlich unterschiedliche Qualitäten haben.
 
Da gibt es einmal die tatsächlichen, wenn man eine sinnvolle Exegese außen vor lässt, sowie die subjektiv empfindbaren.
 
Z.B. wird der Hebräer im AT aufgefordert nicht zu „morden“ oder zu „töten“ was den 10 Geboten zu entnehmen ist (2. Mose 20, 13), dann aber an anderer Stelle dazu aufgefordert einen Krieg gegen ganze Nationen zu führen um ihnen das Land zu nehmen (2.Mose 23, 20-32; vergleiche 2.Mose 20, 15).
Für mich ist das ein klar tatsächlicher Widerspruch auf menschlicher Ebene.
Aus sicht der damaligen Stammesväter ging es jedoch ums nackte überleben.
 
Die Frage jedoch ist, ob dies im Auge eines anderen Betrachters ebenso wahrgenommen wird, oder ob aus seiner Sichtweise ein Unterschied in seiner Wahrnehmung besteht, er eine andere Ebene (z.B. die geistliche) mit einbezieht, einen Text aus Sicht des Schreibers verstanden wird oder nicht, so das gewisse Dinge eben nicht als Widerspruch wahrgenommen werden.
 
 
 
Hier muss man also einwenden, dass es zusätzlich zu den offensichtlichen auch nur scheinbare, subjektiv erlebte Widersprüche gibt.
Auch die Widersprüche, die aufgrund der Unterschiede zwischen der heutigen und der damaligen Sprache, oder ganz allgemein aufgrund von Missverständnissen, entstehen können.
Solche sind also von den tatsächlichen Widersprüchen zu unterscheiden, was um der Vollständigkeit halber hier mit erwähnt werden muss.
Oder ein Interessent besitzt angeeignetes Hintergrundwissen, wo von Fall zu Fall ein subjektiv empfundener Widerspruch aufgelöst werden kann – dies ändert jedoch nichts daran, das es immer Menschen geben wird, welche in der Bibel „Diskrepanzen“ entdecken werden...
 
 
 
Es sind dann deswegen keine schlechten Menschen – im Gegenteil.
Es sind Menschen die aufgrund ihrer Fähigkeiten zu sich selber ehrlich sind und aufrichtig das ausdrücken was sie empfinden.
Begegne ich dagegen Christen die sagen, das die Bibel sich nicht widerspricht, dann begegne ich unter 100 vielleicht drei oder vier, welche die Bibel wirklich gut genug kennen, um überhaupt darüber ein Urteil sich bilden zu können.
 
 
Wenn jemand sagt, da sei nichts an Widersprüchen, dann sagt er nur das nach, was andere an Behauptung aufgestellt haben, selber aber sich nie die Zeit genommen haben so etwas festzustellen.
Hier liegt m.E. die Problematik dann darin, das der emotionale Vertrauensbezug nur in eine Widerspruchs-lose Bibel gelegt wird, ohne sich einmal u.a. sinnvoll mit den unterschiedlichen Textformen befasst zu haben.
Wenn die Bibel einmal, als ein Buch ohne Widersprüche emotional geprägt wurde, dann vertraut ein Gläubiger ihr nicht wegen ihren Aussagen, sondern so einer vertraut lediglich den Menschen , der es auch nur so weitergegeben hat, wobei diese wahrscheinlich kaum die dazu nötige Zeit investiert haben, sich mit dieser Thematik auch zu befassen.
Solche auf die Bibel emotional geprägten Menschen sind dann wahre Meister darin, alles mögliche an Erklärungen aufzuwarten, phantasievolle Balken zu biegen, nur damit es dennoch irgendwie passt.
 
 
Das die Bibel sich niemals widersprechen darf, wird somit zu einem emotionalem Bedürfniss, obwohl es diese Büchersammlung selber niemals fordert, mit dieser Sicht betrachtet zu werden.
 
Konkrete Widersprüche
 
 
Ich nehme als Beispiel die drei verschiedenen Versionen über den Tod von Goliath (1.Sam. 17; 2.Sam. 21, 19; 1.Chr. 20, 6-8).
In 1.Samuel findet man die Geschichte über David und Goliath, wie sie auch schon Kindern als „wahre Geschichte“ verkauft wird.
In 2.Samuel findet man dagegen einen gewissen Elhanan, der den Goliath niederstreckte.
Und wenn die sechs Finger und Zehen jeweils eine Rolle spielen, sowie andere Merkmale wie sie Goliath in 1.Sam. 17 aufwies (seine enorme Waffe sowie sein „gotteslästerliches Reden“) so ist in 1.Chronika die Ursprungsgeschichte gar nicht mehr haltbar, da Jonathan dann den Goliath umgebracht hätte...
 
Solche Dinge sind nun mal nicht von der Hand zu weisen und lässt den Leser der Bibel unweigerliche Widersprüche erkennen, welche selbst mit Bibelwissen nicht mehr erklärbar sind.
Als ich mal einen Bibelfundamentalisten darauf ansprach, meinte er nur das es der Cousin von Goliath gewesen sein muss...
 
Aber hier sollte sich der Gläubige sinnvoller Weise die Fragen stellen:
 
Wieso darf die Bibel angeblich überhaupt keine Widersprüche haben?
Wieso glaube ich das, das es nur so sein muss?
Hat Gott jemals behauptet, das die Bibel, die vor uns liegende Büchersammlung in ihrer Gesamtheit, sein "Wort" ist?
Hat Jesus jemals behauptet, das die Schriften "Gottes Wort" sind (vergleiche Joh 8, 17 & 10;34)?
Auf welcher Ebene des Glaubens oder des Menschseins begegnet mir so ein Widerspruch?
Wer hätte das zu bestimmen ob die Bibel keine Fehler haben dürfte?
 
Doch ein Buch, von Menschen geschrieben und ohne dem Wissen der Autoren zusammengestellt, ohne möglichen Absprachen, wird immer Widersprüche enthalten, da zuweilen der Mensch sich eben widersprüchlich verhält oder etwas anders überliefert wie es einmal ursprünglich war – dies in seiner Religionsauslebung, aber genauso in seinen Verhaltensweisen, die sich in der Religion (oder „im Glauben“) widerspiegeln.
 
Beschäftigte ich mich mit der Entstehung der Bibel, so bin ich mir über die Ursachen schnell im klaren, da man dann Dinge feststellt, das z.B. Moses eben nicht der alleinige Schreiber seiner Bücher war (der Name der fünf Bücher Mose kommt von daher, weil Moses in diesen eine zentrale Figur einnimmt), sondern das Moses, wenn er überhaupt dran beteiligt war, selber nur fertiges zusammengestellt hat.
 
Aus der Perspektive der Sprachwissenschaftler hat man z.B. festgestellt, das schon die ersten zwei Kapitel aus Genesis unterschiedliche Autoren gehabt haben müssen (Buchtip "So entstand die Bibel“, von J.J. Glashouwer - CLV-Verlag).
 
Moses hat vielleicht das Gesetz selber aufgezeichnet.
Aber so in die Vergangenheit schauen ob es diesen Moses überhaupt gegeben hat, das kann leider keiner von uns und ist daher ein „Glaubensding“.
Und zum Glauben muss man sich selber öffnen.
Von der Möglichkeit dass es ihn gegeben hat wiederum ganz abzusehen, halte ich dann aber für übertrieben – nur weil es keinen archäologischen Nachweis gibt, das Moses gelebt hat, ist das noch lange kein „Beweis“ das es ihn nicht gegeben haben soll.
Genauso wird es in 3000 Jahren keinen archäologischen Beweis geben, dass es mich gegeben hat.
Aber deswegen auszuschließen, dass es mich gar nicht erst gegeben haben soll, halte ich also für fragwürdig.
 
Der "Sklave" lehrt eine komplette Übereinstimmung der gesamten Bibel.
Selbst untereinander würde alles passen und stimmen.
Die Widersprüche in der Bibel werden dementiert und in einer externen Erklärung gerade gebogen, damit es wieder passt.
Mit diesen externen Erklärungen gibt ein ZJ sich zufrieden, weil sie ja von seinen „Sklaven“ kommen.
Dabei vergisst der ZJ jedoch, nur weil er eine externe Erklärung erhalten hat, dass an sich in der Bibel der Widerspruch weiterhin existent bleibt, gerade weil die externe Erklärung kein Bestandteil der Bibel ist.
Die Erklärung ist jedoch dann nicht mehr der Bibel selber zu entnehmen, sondern bestenfalls dem „Wachtturm“.
In der Bibel selber bleibt jedoch jeder Widerspruch weiterhin existent, nur der ZJ erkennt ihn nicht mehr als solches, weil seine Sicht verändert wurde.
 
Jeder, der die Bibel unvoreingenommen liest, wird auf Widersprüche stoßen – eine gesuchte Erklärung, und mag sie noch so plausibel sein, ändert nichts an der Tatsache, dass die Bibel an sich immer noch diese Widersprüche enthält und von anderen Lesern wahrgenommen werden.
 
Verdeutlichen kann ich dies, wenn z.B. zwei Theologen einen Widerspruch mit jeweils einen anderen externen Ansatz erklären kann, welche sich jedoch gegenseitig widerlegen würden – dann hätte zwar jeder für sich „eine Lösung“, ist sich aber nicht gewahr, das er unrecht haben könnte.
 
Insofern ist jede Sicht uninteressant, welche einen Widerspruch der Bibel zu widerlegen sucht, einen „echten“ Widerspruch
wohlgemerkt, da dieser nur ein externer Gedankenkonstrukt sein kann.
 
 
Sinn der Exegese ist es nicht, Widersprüche zu suchen und zu dementieren - sondern den Sinn des Schreibers zu erkennen und eine mögliche Bewandnis für den Gläubigen von heute abzuleiten. Jedoch lassen sich mit hilfe der verschiedenen Möglichkeiten der Auslegung die Widersprüche erklären.
 
Sobald ein ZJ bemerken würde, übrigens nicht nur solche, das die Bibel sich sehr wohl widerspricht, selbst mit externer Erklärung, fühlt er sich in seinen Glaubensfundament angreifbar.
 
Eine logische Konsequenz, da er emotional und blind anderen Menschen die diese Übertragung an ihm vorgenommen haben vertraut hat.
Es fehlt ihm folglich an einer eigens erstellten Meinung.
 
Ein Glaubensfundament welches natürlich gewachsen ist, wird dagegen „besser halten“ - zumindest würde der Punkt „die Bibel
widerspricht sich sehr wohl“, keine Rolle spielen.
 
Dabei muss die Bibel als Glaubensfundament an Jesus Christus gar nicht mal ohne Widersprüche sein – die Fragen lauten also weiterhin:
Wieso sollte die Bibel keinen Widerspruch haben dürfen?
Wer ist denn derjenige der das behauptet?
Und wieso behauptet der das?
  
 
Hier muss ich also festhalten, das es Gründe geben muss, wieso für manche es wichtig zu sein scheint, ob die Bibel „fehlerlos“ ist oder nicht.
Und wenn ich diese Gründe hinterfrage, komme ich unweigerlich auf eine Reihe von Übertragungen, die hier einmal näher erklärt werden sollen, um der Entstehung des Bibelfundamentalismus etwas näher zu kommen.
 
Zunächst einmal darf ich festhalten, das es meist eine religiöse Führung ist, welche behauptet, das die Bibel in sich keine Widersprüche enthalten würde.
Sie ist eben „Gottes Wort“ - Punkt.
Bei den ZJ macht das der „Sklave“ der sich selber als Verteiler der göttlichen Autorität betrachtet, wenn er den ZJ seine „Speise“ vermittelt.
Jetzt ist es aber so, das diese Autorität dem Anschein nach aus der Bibel entnommen wurde, sich selber als von Jesus eingesetzt zu betrachten.
 
Das geht aber nur, wenn die Bibel selber „göttliche Autorität“ besitzen würde.
Wenn die Bibel jedoch einen Widerspruch enthält, dann kann sie folglich in den Augen des Gläubigen gemäß seiner Prägung keine Autorität von Gott besitzen.
Sie wäre dann nicht mehr „Gottes Wort“, denn ein Gott der sich in seinen „geschriebenen Wort“ widersprechen würde, der wäre nicht glaubhaft - so der Bibelfundamentalist...
 
Der aufgeklärte Christ dagegen sagt sich, das Gott sein Wort mit uns widersprüchlichen Menschen geschrieben hat, sowie es auch immer noch mit uns schreibt (in die Herzen der Menschen), so das durchaus aus der Gnade heraus Fehler gemacht werden dürfen.
Fehler sind u.a.des Christen Lehrmeister (siehe auch Lukas 15, 11-24), aus denen man, nicht nur als Christ, lernen darf...
 
Da der Mensch Fehler machen darf, dürfen sie auch in der Bibel enthalten sein.
 
 
Wenn also eine geistliche Führung die Bibel als widerspruchsfreie „göttliche Autorität“/“Gottes Wort“ verwenden möchte, um sich selber als von Gott eingesetzt aus der Bibel erklären zu können, der muss die Bibel als etwas ohne Widersprüche vermitteln, da ansonsten kein Fundamentalismus möglich wäre, die der ZJ in „theokratische Ordnung“ umbenennt, vermittelt bekommt.
 
Hier ist es dem „Sklaven“ also wichtig, der Gruppierung auf die man Einfluss überträgt, dass die Bibel als ganzes „Gottes Wort“ sei und unfehlbar sowie zeitlos in ihren Aussagen und das ihre Aussagen immer aktuell seien.