1.7. Indoktrinierung durch Sprache

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1.7. Indoktrinierung durch Sprache

 

Indoktrinierung bedeutet per Definition, wenn Eingeweihte versuchen einen Neuling in einer religiösen Gruppierung in seinem Denken, Fühlen und Handeln so zu verändern, das er als ganzer Mensch den Ansprüchen der Gruppe gerecht werden kann.
Diese so neu ausgerichteten Neigungen erzeugen letztlich den Wunsch, sich der Gruppierung anzuschließen.
 
Dies macht sich u.a. auch in der Sprache bemerkbar, inklusive der Sprache, mit der die innermenschlichen Dialoge vollzogen werden.
Die Verwendung ihrer bereits angeführten internen Schlagwörter (siehe Vorseiten bez. "Sklave", "Wahrheit" u.a.) und das Beimessen der internen emotionalen Werte zu diesen, lassen wie schon gesagt keinen anderen Schluss zu, als dass eine Fremdbeeinflussung stattgefunden hat.
 
 
 
Wirkung und Bewandniss der Schlagwörter am/im inneren Menschen
 
 
„Schlagwörter“ an sich haben jedoch noch eine zusätzlich gewünschte psychologische Wirkung.
Eigentlich mehrere.
 
Nicht nur, dass dieser gezielte Gebrauch im internen Sprachgebrauch Folgen auf das Sprechen an sich hätte, lässt man es als „geistige Führung“ auch bewusst drauf ankommen, die Anhänger in dieser veränderten Sprache denken zu lassen - denn nur wenn der innermenschliche Dialog in seinen Gedanken und den damit verwobenen Emotionen sich im Einklang (Wachtturmsprache = "Einheit") mit denen der Gruppierung bewegen, wird es erst zu den besagten Wunsch kommen sich dieser zu verpflichten.
Das eigentliche Problem während dieser Prozedur an Neuzuordnung an emotionalen Werten zu internen Begriffen ist aber, das man über dieses Vorhaben (den Eingriff in das emotionale Innenleben des potentiellen Neu-Anhängers = das Indoktrinieren an sich), unfairerweise gar nicht erst informiert wird, das man dies beim sogenannten "Interessierten" einfach vollziehen würde, ohne ihn zu fragen.
Denn durch das profane Erweitern an zusätzlichen Informationen die noch hinter einem Begriff stehen, wird man deswegen noch lange nicht indoktriniert.
Erst in der Übernahme aufgrund der Übertragung der gewünschten Emotionen, zu diesen internen Begriffen, kommt es zur Indoktrinierung - darüber wird niemals ein "Interessierter" aufgeklärt, das man gezielt darangeht, den Menschen in seinen bisherigen Wünschen und Neigungen zu verändern.

Ich muss einwenden, was an anderer Stelle dieser Seiten hier noch vertieft wird, das ein Zeuge Jehovas meistens gar nichts über diese innermenschlichen Prozesse bescheid weiß, da er einfach nach den Vorgaben seiner geistlichen Führung agieren wird, wenn er daran geht, das Denken und die Sprache (u.a.) seines "Interessierten" zu verändern.

Kann man die Sprache eines Anhängers in ihren emotionalen Grundbedeutungen verändern, dann kann man auch sein Denken und dann auch seine Emotionen verändern.
Und umgekehrt genauso kann man mit der emotionalen Wirkung von Schlagwörtern arbeiten, welche sich emotional übertragen lassen und so mit in das eigene Sprachverhalten intrigiert werden – auf beiden Wegen werden dann , aufgrund des alltäglichen Gebrauches, diese neuen emotionalen Bewertungen vertieft.

Ich möchte "das Verändern der emotionalen Grundbedeutung" kurz mit dem Beispiel des Begriffes "Nächstenliebe" verdeutlichen, einen Begriff aus dem christlichen Sprachgebrauch:

Während allgemeine Christen unter "Nächstenliebe" hauptsächlich so etwas wie "den Armen und Kranken helfen" verstehen (hunderte von christlichen Hilfsorganisationen sprechen hier für sich), bedeutet die "Nächstenliebe" eines Zeugen Jehovas das er hauptsächlich bemüht ist "anderen von der guten Botschaft zu erzählen", "Menschen die Bibel näher bringen" - sprich der Vorgang der Kaltaquise, wenn der Zeuge Jehovas bei den Leuten an der Tür klingelt.
Wie schon gesagt, es ist nur ein Beispiel.
Auch andere Begriffe aus dem christlichen Sprachgebrauch wie "Gottes Reich", "Gottesbeziehung", "Wirkung des heiligen Geistes", um nur einige zu benennen, erhalten in der Sprache der Zeugen Jehovas eine völlig andere Bedeutung als wie in der Sprache eines authentischen Christen von heute.
 
Dass eine fremde Meinung, mit Hilfe der Hinzuaddierung einer emotionalen Bedeutung zur Begrifflichkeit eines Wortes, zu einer eigenen Meinung gemacht wird, dann aber auch eher beibehalten wird (als emotionaler „Klebstoff“), ist eine menschlich natürliche Sache, die man als „Menschenfischer“ aber ebenso auszunutzen versteht:
Menschen, welche alle dassselbe durchfühlen, bleiben nun mal eher in einer Gruppierung zusammen.
 
Die bereits angeführten Zitate auf den Vorseiten (bez. "Wahrheit", "Organisation" u.a.) zeigen auf, das bestimmten Begrifflichkeiten definitiv eine weit größere Bedeutung beigemessen wird, als wie sie im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch verwendet werden würden - genauso wie die Begriffe aus dem christlichem Sprachgebrauch.
 
Ich möchte festhalten:
Die Veränderung des inneren Menschen ist aus Aspekten der Sprachwissenschaft bei den Zeugen Jehovas ein Ding der Offensichtlichkeit.
 
 
Sprache die bindet
 
 
Doch noch mehr wird mit dieser emotionalen Neuprägung von Begrifflichkeiten erreicht:
Denn wozu sich die Mühe machen um überhaupt erst eine solch interne Sprache zu konstruieren?
Wie schon geschildert:
Innerhalb dieser religiösen Gruppierung ist es eine Tatsache, dass jeder ZJ das Gleiche denkt, glaubt und sogar dieselben emotionalen Zuordnungen, was zumindest die Begrifflichkeiten zwecks Definierung der Glaubensinhalte betrifft, übertragen bekommen hat.
Dinge wie Zweifel oder der Umgang mit den bewusst inszenierten Doppelbindungen können natürlich individuell bewältigt werden, was mir klar ist - doch grundsätzlich gelten die emotionalen Vorgaben, das "Soll", für alle Anhänger gleich - sonst würde diese relative "Einheit" nicht funktionieren.
Zumindest wenn es nach dem Wusch des „Sklaven“ nach konformen, „aufrichtigen“, Anhängern gehen würde.
Z.B. fühlt jeder integrierter ZJ sich persönlich angegriffen, wenn man seine Religion und der damit verbundenen Organisation kritisiert, gerade weil seine innere Sicherheit von diesem übertragenen "Glaubensgebäude" in Abhängigkeit geraten ist, so das die natürlich vorhandenen Schutzmechanismen diese "Angriffe des Teufels" eben als solche durchleben - aber ich schweife ab.
 
Eine Wirkung die so ein „Schlagwort“ dann aufweist ist, dass einmal das eigene Denken und Empfinden mit der gesamten Gruppierung im Einklang gestellt wird.
 
Der Mensch neigt dazu, wenn er einmal etwas mit einer Emotion verbunden hat, positiv oder negativ, dieses innere Bild nicht einfach so umzuändern oder abzulegen (Gesetz der Prägung).
 
Vorteil für den „Sklaven“:
Verpackt man Emotionen hinter einen Namen oder einer Bezeichnung (einem Wort), so werden in der Regel nicht die Wege und Mittel hinterfragt, wie es eigentlich zu der persönlichen emotionalen Verknüpfung gekommen ist.
Nach möglich suggestiven Methoden (Suggestionen) hinterfragt man kaum, schon gar nicht wenn man diese nicht kennt und daher nicht bemerkt denen ausgesetzt zu sein – er hat dann eben „die Wahrheit gefunden“ - aber das „wie“ wird dann meist nicht mehr hinterfragt.
 
Beispiel für eine natürliche emotionale Zuordnung hinter einer Bezeichnung:
Man hat einen guten Freund den man sehr gut kennt und zu schätzen wie auch zu lieben gelernt hat.
Wer hinter seinem Namen steht beginnt man immer mehr zu einem emotionalen Gesamtbild zu formen, so dass irgendwann nicht mehr allein einzelne Informationen über diese Person bei der Benennung eines Namens aufgerufen werden, sondern ein Gesamtbild mit den zusätzlichen gespeicherten Emotionen.
Wenn dann Fragen kommen, wie: „Weißt du noch, der Klaus?“, kommen unweigerlich Informationen aber auch, je nachdem wie tief die Freundschaft war, Emotionen hoch.
 
Der Mensch pflegt nun mal hinter einem Begriff ein ganzes Packet an Emotionen zu füllen - es ist seine Natur.
 
Dass Wörter, Begriffe, Bezeichnungen oder Namen also auch eine emotionale Erinnerung wach rufen können, sollte eigentlich kein Geheimnis mehr sein.

Was hat das mit den Schlagwörtern, oder Phrasen, von der Leitende  Körperschaft zu tun?

 
Hier hat diese geistliche Führung es geschafft bewusst Emotionen künstlich aufzubauen, um diese dann hinter einem Begriff zu versiegeln (das "wie?" wird in den Kapiteln 5-7 - siehe Übersicht - noch eingehend betrachtet).
Sollen diese Emotionen bei der Gruppierung kollektiv aufgerufen werden, so wird diese einmal geprägte Begrifflichkeit bei passender Gelegenheit wiederholt, um die gewünschte ideelle, aber vor allem emotionale Erinnerung aufzurufen.
Und wiederholt wird oft.
Vor allem in der Literatur der WTG.
Hier eine kurze Übersicht, wie oft folgende Begriffe in der Literatur von 1970-2013 vorgekommen sind, diese nur als Beispiel da es noch viele weitere solche Begriffe und Phrasen gibt, welche die interne Sprache der ZJ ausmachen:
 
„Treue und verständige Sklave“/"Sklave" – ca. 400 mal
„Wahrheit“ – ca. 25000mal
„Organisation“ – ca. 8800mal
„leitende Körperschaft“ - ca. 2470mal
„geistige Speise“ - ca. 990mal
("Weisst Du noch, der Klausi...")
 
Bereits erwähnte Beispiele aus den Wachtturm-Zitaten verdeutlichen, dass diese Begriffe bereits schon fest in das Denken der ZJ eingegraben sind.
 
Da der Zeuge Jehovas angehalten wird seine Literatur regelmäßig zu lesen, so wird er mit diesem Vorgang immer wieder animiert in dieser Sprache sich hineinzudenken - denn durch den alltäglichen Sprachgebrauch (egal in welcher Landessprache) würde er zu den mit dieser speziellen Sprache notwendigen Denkweisen eher gar nicht konfrontiert werden.
Daher animiert der "Sklave" zum regelmäßigen Lesen seiner Publikationen - er möchte das bei seinen Anhängern durch die Beibehaltung der Sprache auch die damit notwendigen Denkweisen, und damit die mögliche Abrufbereitschaft auslösender Schlagwörter immer präsent bleiben.
So viel zur emotionalen Nutzung von Schlagwörtern.
 
Da durch ihrem internen Gebrauch die Schlagwörter eine bewusste Überzeugungsabsicht ausüben, dies seitens der geistlichen Führung, was dann bei den profanen Anhängern unbewusst übernommen und vollzogen wird, verknappen oder vereinfachen diese Wörter die dahinter stehende interne Überzeugung oft auf eine Art und Weise die man ruhig anzweifeln darf, zugunsten einer gewünschten (positiven oder negativen) Resonanz innerhalb der Gruppierung.
„Verknappen“ oder „vereinfachen“ insofern, da interne emotionale Bedeutungen hinter diesen Begriffen verpackt wurden.
Ein einfaches erwähnen des Begriffes lässt das Unterbewusstsein die Emotionen wieder auspacken, sprich in Aktion treten, oder wach rufen.
 
 
 
Verdrängung der Indoktrinierung durch Permanenz interner Sprachverwendung
 
 
Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, welcher sogar als ein Hauptgrund gelten kann, weshalb überhaupt ein Schlagwort geprägt wird:
 
 
Dieses "verpacken hinter einem Begriff", ist wie schon geschildert, an sich eine Vorgehensweise die man ruhig anzweifeln darf.
Denn immerhin verbirgt man auch die Methodik mit der diese emotionalen Zuordnungen vorgenommen wurden, man verdrängt jene Substanz welche an sich hinterfragt werden könnte, indem man sie hinter einem Begriff (oder einer Phrase) verbirgt, und den gesammten Prozess der Indoktrinierung aus dem bewussten Denken des Anhängers erfolgreich ausklammert.
Gerät die Methodik so aus dem Fokus, gibt es so ohne weiteres auch keinen Stoff oder Gründe um jene Methoden anzuzweifeln/anzukreiden, mit der ein Mensch indoktriniert wurde.
Der Weg, wie es zur religiösen Überzeugung gekommen ist, wird ausgeklammert, was einen Verlust der Objektivität in sich birgt, weil man es hinter der Phrase „die Wahrheit gefunden“ verbirgt.
Die Abläufe und Methodiken aus einer Indoktrinierung, werden so ganz einfach aus dem Fokus des bewussten Denkens gehalten...
 
Und wie schon beschrieben neigt ein Mensch kaum dazu etwas zu hinterfragen, wie es eigentlich zu einer Verknüpfung von Sprache und Emotion gekommen ist, weil es in der Regel dann bei der puren Benennung belassen wird.
Der Mensch agiert stets mit Begrifflichkeiten, doch er pflegt meist nicht zu hinterfragen, ob die Art und Weise wie es zu dieser Zuordnung gekommen ist die richtige ist.
Zum Beispiel würde kein Mensch fragen, ob es sich bei dem Begriff „Automobil“ um ein korrektes oder falsch gebrauchtes Wort handelt.
Genauso wenig würde ein ZJ hinterfragen, ob er in der „Wahrheit“ ist...
 
Wer möchte, dass nur die Emotionen wachgerufen werden, dabei keine Substanz liefern möchte welche kritisiert werden könnte, versteckt sie am besten hinter einem Schlagwort...

-> zum Thema: 1.8. Subjekt, subjektive „Wahrheit“

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