1.2. Die geistliche Führung - der „Sklave“
 
Um sich ein Bild des Anspruchs der geistigen Führung, der „leitenden Körperschaft“ der Zeugen Jehovas (ZJ), machen zu können, sollen hier die von ihr selber getätigten Aussagen verwendet werden, damit nicht von meiner Seite aus etwas verzerrt wiedergegeben wird.
 
Die Sprache in den Wachttürmen (Wachtturmsprache) und der übrigen Literatur der Wachtturmgesellschaft (Wachtturmliteratur) ist an sich eine solche, welche den Belangen der geistlichen Führung angepasst ist und von daher bereits aufgrund interner Bedeutungen und suggestiven Auslösern eine gebogene Sprache darstellt, welche ganz bestimmt nicht alltäglich sein dürfte.
 
Auch wenn diese Zitate manchmal aus einem Wachtturmartikel oder einer anderen Publikation der Wachtturmliteratur aus einer anderen Thematik heraus zitiert werden, als wie es diese eigentlich vermuten lassen würden, so handelt es sich bei diesen dennoch um Aussagen, die nicht ohne Grund mit in diese Artikel eingesetzt wurden.
Sämtlich zitierte Aussagen haben ihre ganz eigene Relevanz und sind von daher von einem ZJ immer ernst zu nehmen, egal aus welcher Thematik heraus ursprünglich zitiert wird - aber ich denke der Leser wird merken was ich meine.
 
Mehr zu diesen Thema "Sprache der Wachtturmliteratur" auf den folgenden Seiten dieses Kapitels, oder hier einmal vorgegriffen um mehr über die konkreten Suggestionsstechniken zu erfahren:
 
 
Bei Bedarf werden Erklärungen zu den Zitaten geliefert, um besser deren interne Sprache verstehen zu können.
Bitte nehmen Sie als Leser sich die Freiheit mich zu kontakten, sollte noch etwas unklar oder offen sein - vielleicht geht es nicht nur Ihnen so, so das ich diese Seiten gerne um weitere Erklärungen ergänzen würde falls nötig.
Die Kontaktdaten finden sie im Impressum.
Hier also Zitate aus der Wachtturmliteratur (WT = „Der Wachtturm“).
Andere Veröffentlichungen der Wachtturmgesellschaft (WTG) werden dementsprechend bezeichnet:
 
„Der Wachtturm“ (WT), vom 15.09.2010, Seite 8:
Zur Einheit der weltweiten Christenversammlung trägt auch heute eine leitende Körperschaft aus geistgesalbten Christen bei. Sie veröffentlicht glaubensstärkende Publikationen in vielen Sprachen — geistige Speise, die sich auf Gottes Wort stützt. Deshalb stammt das, was gelehrt wird, nicht von Menschen, sondern von Jehova.“
 
 
Erläuterungen des Autors (EdA):
Wenn der Wachtturm von der „Einheit“ spricht, dann ist hier von der Doktrin die Rede, der Forderung des „Sklaven“, dass alle ZJ dasselbe glauben müssen, alle es so verstehen müssen, wie der „Sklave“ es vorgibt.
Die Bezeichnung „weltweite Christenversammlung“ lässt schnell vermuten das damit alle möglichen Christen gemeint sein könnten.
Aber wie der obenstehende Kontext zeigt, werden dort nur die Anhänger der ZJ gemeint.
Auch sonst, wenn der Wachtturm solche Wortwendungen verwendet ("wahre Christen", "Christen"), wird es ausschließlich nur auf die eigene Gruppierung bezogen.
 
Bei der „geistigen Speise“ handelt es sich um die Publikationen, gedruckt von der Wachtturmgesellschaft (WTG), verfasst von der „leitenden Körperschaft“ (LK), meist unbenannten Autoren des „Sklaven“, an die sich ein ZJ zu richten hat und deren Inhalte er glauben muss.
 
Ich möchte noch nachträglich etwas über die Bezeichnung „Sklave“ ergänzen.
Durch diese Eigen-Benennung nimmt man Bezug auf Jesu Frage „Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave, den der Herr eingesetzt hat, um Speise zu geben zur rechten Zeit?“ aus Matthäus (24,45-47) und dem Lukasevangelium (12, 42-44).
Diese geistliche Führung nimmt also für sich diesen Platz in Anspruch, von Jesus persönlich in diese Position des „Sklaven“ eingesetzt worden zu sein, als wenn es sich hier um eine biblische Hauptrolle handeln würde. 
Aus folgendem Zitat kann man erkennen das die „leitende Körperschaft“ gerne sich selber als dieser „treue und verständige Sklave“ benennt:
 
„Durch unsere Bruderschaft bieten sich uns weitere wertvolle Möglichkeiten, uns von Jehova leiten zu lassen. Die bedeutendste Rolle spielt dabei der „treue und verständige Sklave“ mit seiner leitenden Körperschaft, die ständig für geistige Speise sorgt, und zwar in Form von Literatur sowie Programmen für Versammlungszusammenkünfte und Kongresse.“ - WT, 15.04.2008, S.11.
 
 
EdA: „Bruderschaft“ - ZJ bezeichnen sich untereinander mit „Bruder“oder „Schwester“.
Die Anrede mit Hausnamen („Bruder Winter“ – Winter = Hausname) oder nur mit Vornamen möglich.
Bei beiden Varianten wird sich „geduzt“, was von Versammlung zu Versammlung variieren kann und darf.
Über sich selber sagt und fordert die leitende Körperschaft noch folgendes:
 
„Erstens ist es biblisch, wenn der „treue und verständige Sklave“, vertreten durch seine leitende Körperschaft, Männer in der weltweiten Christenversammlung in verantwortliche Stellungen einsetzt und manchen von ihnen Autorität über andere Aufseher verleiht...
Zweitens sind wir alle — Aufseher nicht ausgenommen — denen Achtung und Respekt schuldig, die mit Autorität über uns ausgestattet wurden...
Reisende Aufseher zählen zweifellos zu denen, die unter uns „hart arbeiten“. Deshalb sind wir bestimmt gern bereit, ihnen „über die Maßen Achtung zu zollen“. Das tun wir nicht zuletzt dadurch, dass wir bereitwillig auf ihre Anregungen eingehen. Übermittelt uns so ein Aufseher Anleitung von der Klasse des „treuen Sklaven“, veranlasst uns die „Weisheit von oben“, „zum Gehorchen bereit“ zu sein.“ - WT, 15.10.2008, S.23.
 
 
EdA: Es ist „biblisch“ = Es ist „von Gott“.
Wer wird da widersprechen wollen?
 
„... über die Maßen Achtung zu zollen“
„Weisheit von oben“
„zum Gehorchen bereit“
 
... hierbei handelt es sich um Fragmente aus Bibelzitaten welche angeführt werden um etwas auch als „biblisch“ darzustellen.
Denn wenn eine Vorgabe so aus Bibelzitaten zusammengesetzt wird, wie oben stehend, so soll es einen „biblischen“ Anschein erwecken, als wenn es "biblisch" = „von Gott so gewollt“ ist, wie der Zeuge Jehovas (ZJ) mit seinen Autoritäten innerhalb seiner Organisation umzugehen hat.
 
So gibt es Sonderheiten in der Sprache der ZJ, welche hier redaktionell auch beizeiten mit „Anführungszeichen“ angedeutet werden, da es sich bei diesem auch oft um interne Schlagwörter handelt.
Weiter aus denselben WT auf S.24:
 
Was aber, wenn wir gebeten werden, anders vorzugehen, als wir es bisher gewohnt waren? Respekt macht es manchmal auch nötig, sich mit Einwänden wie: „Das läuft bei uns ganz anders“, oder: „Das funktioniert vielleicht in anderen Versammlungen, aber nicht hier bei uns“, zurückzuhalten und die Empfehlungen lieber nach besten Kräften umzusetzen. Leichter fällt uns das, wenn wir immer daran denken: Die Versammlung gehört Jehova und ihr Haupt ist Jesus. Wird die durch reisende Aufseher übermittelte Anleitung freudig aufgenommen und befolgt, zeugt das von echter Achtung.“
 
WT. 01.04.2007, S.12:
„Die treue Sklavenklasse sollten wir hauptsächlich deshalb gebührend respektieren, weil wir dadurch genau genommen dem Herrn und Meister, Jesus Christus, Respekt erweisen...
Halten wir uns loyal an die Anleitung des treuen Sklaven und seiner leitenden Körperschaft, ordnen wir uns damit also dem Herrn des Sklaven, dem Christus, unter. Das Werkzeug, mit dem Christus seine irdische Habe verwaltet, gebührend zu respektieren, ist ein Weg, ‘offen anzuerkennen, dass Jesus Christus Herr ist zur Verherrlichung Gottes, des Vaters....
Außerdem verdient der treue Sklave unseren Respekt, weil gesalbte Christen auf der Erde als sinnbildlicher „Tempel“ beschrieben werden, den Jehova „durch den Geist“ bewohnt. Sie gelten daher als „heilig“...
Eben dieser heiligen Tempelklasse hat Jesus seine Habe auf der Erde anvertraut, und somit stehen gewisse Rechte und Aufgaben in der Christenversammlung ausschließlich diesem kollektiven „Sklaven“ zu. Deshalb betrachten alle in der Versammlung es als heilige Pflicht, sich gewissenhaft an die Anleitung des treuen Sklaven und seiner leitenden Körperschaft zu halten. Für die „anderen Schafe“ ist es eine ausgesprochene Ehre, die Sklavenklasse dabei zu unterstützen, sich um die Interessen ihres Herrn zu kümmern.“
 
Ein paar Erläuterungen:
„Sklavenklasse“ (= “Tempelklasse“) - zu diesen Begriff kommt man u.a. über die unterschiedlichen Hoffnungen der Zeugen Jehovas.
Es gibt einmal die „geistgesalbten Christen“ unter den Zeugen, welche eine Hoffnung haben sich mit Jesus in seinem himmlischen Reich zu begeben, um von dort aus, nach „Harmagedon“, sich um das Wohl der Überlebenden und Auferstandenen zu kümmern die im „Paradies auf Erden“ sein werden, was zumindest den anderen Zeugen in Aussicht gestellt wird.
Als ein „treuer und verständiger Sklave“ geht man davon aus, natürlich zur erstgenannten Gruppe zu gehören, den „Geistgesalbten“.
 
 
WT 01.04.2011:
"Wer sich bewusst ist, dass er Geistiges benötigt, fühlt sich gedrängt, täglich in der Bibel zu lesen, die „zur rechten Zeit“ vom „treuen und verständigen Sklaven“ ausgeteilte geistige Speise in sich aufzunehmen und regelmäßig die Zusammenkünfte zu besuchen."
...
 
Soweit zu den Zitaten zum Stellenwert des "Sklaven" innerhalb dieser Gruppierung.
Der „Sklave“ gibt vor, unter göttlicher Sendung, Autorität über den Großteil der Zeugen Jehovas ausüben zu dürfen, welches in der Regel der „aufrichtige“ Zeuge Jehovas bedingungslos akzeptiert.
Über die Folgen wenn er dies nicht akzeptiert, komme ich an anderer Stelle.
 
Interessanterweise wird über diesen "Sklaven" als geistliche Führung, kein einziges Wort in dem Buch "Was lehrt die Bibel wirklich?" (herausgegeben von der Wachtturmgesellschaft) gelehrt, das man als "Interessent an die Lehren der Zeugen Jehovas" (kurz "Interessierter") derzeit so ziemlich als erstes zusammen mit einem Zeugen Jehovas "studieren" würde. Ich sehe es mit einem positiven und einen negativen Blickwinkel.    
Positiv, weil es wirklich nicht in ein Buch mit diesem Titel und dem damit verbundenen Anspruch gehört, denn über einen "Sklaven" der wie oben geschildert absoluten Gehorsam fordert, weiß die Bibel wahrlich nichts zu berichten.    
Negativ, weil dem Interessierten das Denken und Fühlen eines Zeugen Jehovas ins innere Wesen übertragen wird, ohne die Prämisse vorgestellt zu bekommen, welche bereits eine traurige, unbiblische "Wahrheit" bei den Zeugen Jehovas darstellt, nämlich mit der suggerierten, durchfühlbaren Sicht leben zu müssen, das vom Gehorsam dieser Führung gegenüber das "ewige Leben" abhängig wäre.
Statt dessen stellt man den Interessierten vor der vollendeten Tatsache erst, wenn dieser sich den Zeugen Jehovas anschließen möchte, was dann der Fall sein wird wenn er per Suggestionen überzeugt wurde das es nur bei den Zeugen Jehovas möglich sei Gott zu gefallen.
Würde man ihn ohne Vorbehalte und direkt über diese autonom bestimmte Rolle dieser geistlichen Führung aufklären, so hätte er eine ungetrübte Wahlmöglichkeit bekommen, die man ihn aber so bewusst vorenthält.